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Energiewende:Hochspannung an der Landesgrenze

Bayern will eine Stromtrasse am Freistaat vorbeiführen. Die Nachbarländer finden das nicht lustig.

Die ganze Finesse findet sich in scheinbar unschuldigen Formulierungen. Etwa die mit den "Bestandstrassen". Wenn die ungeliebte Stromleitung dann im Süden angelangt sei, irgendwo bei Stuttgart, dann solle dort ein Abzweig zum bayerischen Kernkraftwerk Gundremmingen bei Augsburg entstehen, "möglichst weitestgehend auf Bestandstrassen", also entlang bestehender Stromleitungen. Wie der Teufel es will, laufen die aber allesamt auf baden-württembergischem Boden. Erst wenige Kilometer vor Gundremmingen biegen sie nach Bayern ein. Genau so wünscht sich das die dortige Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU). Wenn schon neue Stromleitungen gebaut werden sollen, dann bitte um Bayern herum.

So liest sich auch die fünfseitige Stellungnahme, die Bayern zu jüngsten Plänen für den Stromnetzausbau abgegeben hat, als Erstes zitierte der Bayerische Rundfunk daraus. "Es gilt, ein Übermaß an infrastruktureller Belastung durch Leitungen zu vermeiden", steht dort - jedenfalls an Belastung für Bayern. Denn für die Nord-Süd-Trasse Suedlink schlägt das Ministerium eine Verschiebung nach Westen vor. Nicht mehr zum AKW Grafenrheinfeld bei Würzburg soll sie führen, sondern durch Hessen und Baden-Württemberg nach Gundremmingen. Die "Schlagader der Energiewende", wie der Netzbetreiber Tennet die Leitung preist, würde nur ganz zum Schluss in Bayern pochen.

Die Nachbarländer sind empört. In Hessen äußerten sowohl die schwarz-grüne Koalition von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) als auch die SPD massive Kritik. Bouffier sagte, man werde keine Trassenverlagerung gegen hessische Interessen zulassen. Noch deutlicher wurde sein Stellvertreter, Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Er sprach von einem "wahnwitzigen Vorschlag", der nicht einmal den Hauch einer Realisierungschance habe. Es handele sich um "Unverschämtheiten" der CSU.

Stromtrasse Stromtrassen Bayern

Bisherig geplanter Verlauf der Stromtrasse und neuer Suchkorridor

(Foto: SZ-Grafik)

Die Kritik der Hessen fällt auch deshalb so scharf aus, weil Schwarz-Grün in der eigenen Bevölkerung massive Einwände gegen Suedlink aus dem Weg räumen muss. In Nord-und Osthessen gibt es etliche Bürgerinitiativen gegen das Projekt. Insbesondere die hessische CDU muss fürchten, deswegen Stammwähler zu verlieren. Bouffier hatte Kritikern unlängst versprochen, im Bund für einige Korrekturen am Trassenverlauf zu werben.

Derweil warnte Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) vor massiven Verzögerungen beim Bau der Leitung. "Diesen zeitlichen Umweg können wir uns schlicht nicht leisten", sagte er. Eine Fertigstellung der Leitung im Jahre 2022 sei damit "völlig außer Reichweite". Im Übrigen habe aber der Bund die Planungshoheit, nicht ein einzelnes Bundesland. Allerdings kann jedes einzelne Bundesland die Planungen erheblich erschweren, etwa durch Naturschutz-Auflagen. Wohl nicht von ungefähr weist die Stellungnahme aus Bayern "vorsorglich" darauf hin, dass derzeit der Landesentwicklungsplan fortgeschrieben werde. Die Behörden könnten dann künftig "besonders schutzwürdige Bereiche" festlegen, "die von der Errichtung von Freileitungen für Hochspannungs-Gleichstromübertragung freizuhalten sind", schreibt das Ministerium an die Bundesnetzagentur. Es liest sich wie ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Immerhin aber lehnt die Landesregierung die Leitungen nicht mehr völlig ab. Sie sollen eines Tages Windstrom per Gleichstrom-Technik aus dem Norden nach Süden schaffen und dort den schrittweisen Wegfall der Atomkraftwerke kompensieren. Vor allem CSU-Chef Horst Seehofer wollte davon lange Zeit nichts wissen. Er bevorzugte den Bau neuer Gaskraftwerke in Bayern, um die Versorgung sicherzustellen - und auch in dem Papier aus Aigners Wirtschaftsministerium finden sich dazu eine Reihe von Vorschlägen. Gleichzeitig aber zeigt sich das Ministerium nun sogar offen für die so umstrittene "Süd-Ost-Passage", mit der Windstrom aus Sachsen-Anhalt nach Bayern gelangen soll.

Hessens Wirtschaftsminister spricht von "Wahnwitz", von "Unverschämtheiten" der CSU

Doch auch hier fordert der Freistaat Änderungen. Anders als bislang geplant, soll die Süd-Ost-Leitung nicht mehr nach Gundremmingen bei Augsburg führen, denn dort käme ja nach bayerischen Vorstellungen die Bayern-Umgehungsleitung aus Baden-Württemberg an. Stattdessen plädiert das Wirtschaftsministerium für eine "substanziell verkürzte Ausführung durch Berechnung eines neuen südlichen Endpunkts". Weil für solche Endpunkte gerne Atomkraftwerke gewählt werden - von dort aus gibt es meist Leitungen in alle Richtungen - böte sich das Atomkraftwerk Isar im niederbayrischen Landshut an. Die Leitung würde von Oberfranken durch die Oberpfalz dorthin führen - mit einem netten Nebeneffekt für die Oberbayern Seehofer und Aigner: Durch ihre Heimat würde keine einzige der neuen Leitungen führen.

© SZ vom 18.05.2015
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