Südafrika:Weitgehend spannungslos

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Kohlekraftwerk in Witbank. Es wird immer wieder finster in Südafrika, unter anderem aufgrund der maroden Energie-Infrastruktur.

Kohlekraftwerk in Emalahleni, früher Witbank. Es wird immer wieder finster in Südafrika, unter anderem aufgrund der maroden Energie-Infrastruktur.

(Foto: Themba Hadebe/AP)

Auf die Energieversorgung ist kein Verlass mehr. Die Infrastruktur bröckelt vor sich hin, der staatliche Energiekonzern ist ein Selbstbedienungsladen des ANC. Die Menschen nehmen das erstaunlich ruhig hin.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Am Freitag standen die Menschen in langen Schlangen vor den Geldautomaten in Kapstadt, nur um dann festzustellen, dass die Automaten nicht mehr funktionierten, genauso wenig wie die Kassen in einigen Supermärkten, die Kaffeemaschinen in den Restaurants und die Ampeln auf den Verkehrskreuzungen.

Seit Tagen fällt in Südafrika der Strom so oft und so lange aus wie seit Jahren nicht mehr: In Kapstadt derzeit bis zu zehn Stunden während der Tageszeit. Es gibt morgens keinen frischen Kaffee und wer sich abends etwas kochen will, muss das auf dem Grill tun. Ganze Stadtteile liegen stundenlang im Dunkeln, auf den Straßen kommt es zu mehr Verkehrsunfällen, weil die Laternen aus sind. Handwerker und kleine Unternehmen können Aufträge nicht mehr erledigen. Growthpoint, der größte Vermieter des Landes, hat soeben mitgeteilt, dass auch der Diesel für die Notstromaggregate ausgegangen sei. "Bitte treffen Sie Ihre eigenen Vorkehrungen", rät er den Mietern.

Daran, dass man letztlich immer seine eigenen Vorkehrungen treffen muss, haben sich viele Südafrikaner in den vergangenen Jahrzehnten bereits gewöhnt. Die Infrastruktur bröselt unter der korrupten und inkompetenten ANC-Clique vor sich hin. Es fahren kaum noch Züge, die Straßen bestehen oft vor allem aus Schlaglöchern und von der Polizei ist ohnehin meist keine Hilfe zu erwarten.

Der staatliche Energiekonzern war einmal international vorzeigbar

Das war nicht immer so; als der ANC 1994 die Macht übernahm, verbesserte er die Finanzbehörden und sorgte für Mehreinnahmen in Milliardenhöhe, der Energiekonzern Eskom galt noch Anfang der 2000er Jahre als international vorzeigbar. Seitdem wurde aber zu wenig in den staatlichen Monopolisten investiert, und wenn doch, dann an falscher Stelle: In milliardenteure Kohlekraftwerke, die wegen Konstruktionsfehlern immer noch auf ihre Fertigstellung warten.

Wenn das elektrische Licht wieder einmal nicht brennt, kommt die Öllampe zum Einsatz.

Wenn das elektrische Licht wieder einmal nicht brennt, kommt die Öllampe zum Einsatz.

(Foto: Siphiwe Sibeko/Reuters)

Mit Beginn der Amtszeit von Präsident Jacob Zuma im Jahr 2009 wurde Eskom dann schließlich auch noch zum Selbstbedienungsladen, Milliarden Euro sollen verschwunden sein. Die maroden Kraftwerke reichen nicht mehr aus, um den Strombedarf des Landes zu decken. Zuletzt kam auch noch ein Streik der Eskom-Mitarbeiter hinzu, die höhere Löhne fordern - und dabei auch die Infrastruktur des Konzerns sabotiert haben sollen.

Seit 13 Jahren leben die Südafrikaner vor allem im Winter, wenn mehr geheizt wird, mit einem System, das recht euphemistisch "load shedding" genannt wird, was in etwas mit Lastenverteilung übersetzt werden kann. Der Tag beginnt am Kap dann mit einem Blick auf die Handy-App, die mitteilt, in welchen Regionen wie lange der Strom ausfällt. Zwei oder vier Stunden sind nicht selten, und werden meist klaglos hingenommen.

Der jetzige Zustand aber macht viele wütend, ist an jeder Ecke des Landes Tagesgespräch. Die ständigen Ausfälle werden Arbeitsplätze vernichten und das Wirtschaftswachstum weiter verlangsamen. Viele Betriebe hatten in den vergangenen Jahren Sicherungssysteme eingebaut, um den Betrieb notfalls einige Stunden mit Batterien weiter zu gewährleisten. Das funktioniert nun nicht mehr, weil der Strom viele Stunden weg ist und kaum noch Zeit zum Nachladen bleibt. Das Mobilfunkunternehmen MTN verbrennt jeden Monat 400 000 Liter Diesel, um die Handymasten am Laufen zu halten. Aber auch hier gehen die Vorräte zur Neige.

Es gibt keine Demonstrationen, keinen großen Aufschrei

Bei aller Wut und allen bösen Zeitungskommentaren ist es erstaunlich, wie die Bevölkerung reagiert. Es gibt keine Demonstrationen, keinen wirklich großen Aufschrei. "Resilienz" gilt als einer der Schlüsselbegriffe der südafrikanischen Geschichte und Mentalität. Es ist der Stolz oder der Wille, schwierige Umstände zu meistern, sich nicht unterkriegen zu lassen. Resilienz kann aber auch zur Abstumpfung führen, dazu, dass viele nicht mehr daran glauben, noch etwas ändern zu können. Dinge werden als normal hingenommen, die nicht normal seien sollten.

Es ist ein Gefühl, in dem viele Südafrikaner jeden Tag bestärkt werden von der korrupten Elite. Es sei "unfair", ihn für das Stromdesaster verantwortlich zu machen, sagte Energieminister Gwede Mantashe. Er habe sich doch bemüht. Letztlich aber ist er einer der Hauptverantwortlichen für das Desaster: Der frühere Gewerkschafter weigert sich, den Abschied von der Kohle einzuleiten, will die Klientel der Bergarbeiter nicht verprellen. Und wohl auch die Aufträge nicht verlieren, die sich viele ANC-Politiker zugeschanzt haben, die zu überteuerten Preisen Kohle an die Kraftwerke liefern. Die dann auch oft noch nass und nicht zu gebrauchen ist.

Nur ganz langsam schafft die Regierung nun Möglichkeiten für private Investoren, Strom aus Sonne oder Wind ins Netz einzuspeisen, welche in Südafrika im Überfluss vorhanden sind. Aber auch die Bürgerinnen und Bürger müssen sich wohl fragen, ob sie an dem ganzen Schlamassel nicht zumindest eine Mitverantwortung tragen. Obwohl es am Kap empfindlich kalt werden kann, besitzen die Häuser keine Dämmung oder mehrfach verglaste Fenster. Geheizt wird mit der Klimaanlage oder ineffizienten Radiatoren. So, als sei der kalte Winter jedes Jahr wieder eine Überraschung.

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