Die offene Konfrontation mit den USA ist erst einmal vorbei, das Grönland-Problem in Arbeitskreise delegiert. Doch den Europäern steckt der Schrecken in den Knochen. Und die Frage lautet: Kann die Europäische Union US-Präsident Donald Trump die Stirn bieten, wenn es hart auf hart kommt? Oder ist sie erpressbar, verwundbar? Bei digitalen Services und militärischen Belangen sind Defizite offensichtlich. Und nun mehren sich Stimmen, dass Europa auch im Energiebereich in eine Abhängigkeit von den USA rutscht. Was ist da dran?
An den gesamten Erdgaslieferungen in die EU sowohl über Pipelines als auch über Schiffe mit Flüssigerdgas (LNG) haben die USA inzwischen einen Anteil von 27 Prozent. Im Jahr 2021 lag der noch bei fünf Prozent, Tendenz also stark steigend. Rechnet man nur die LNG-Importe per Schiff, kamen im dritten Quartal 2025 fast 60 Prozent aller Lieferungen aus den USA – der höchste bislang gemessene Wert.
In den deutschen LNG-Häfen kam fast alles Gas aus den USA
Wer nur auf die deutschen LNG-Häfen in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Mukran blickt, der sieht eine totale US-Dominanz. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat Daten der US Energy Information Administration ausgewertet, demnach lag 2025 hier der Anteil an eingegangenem US-Erdgas bei 96 Prozent. Bei gleichzeitig erheblich höheren Liefermengen als ein Jahr zuvor (plus 60 Prozent).
Diese Bilanzen und vor allem der erhebliche Anstieg zuletzt lassen mancherorts die Alarmglocken läuten. „Donald Trump nutzt die Gaslieferungen gezielt, um Europa und Deutschland in eine fatale fossile Abhängigkeit zu drängen“, warnt DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Die Autoren einer gemeinsamen Studie des Berliner Ecologic Institute, des Norwegian Insititute of International Affairs und des niederländischen Clingendaels-Instituts warnen, eine solche Dominanz eines Lieferanten „setze Europa dem Risiko hoher Kosten und geopolitischem Druck aus“.
Angesichts von Trumps Feindseligkeiten wird auch manchem Politiker in Berlin und Brüssel unwohl. So sprach sich der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Andreas Lenz von der CSU, zuletzt im Handelsblatt zwar für mehr unterschiedliche Gaslieferanten aus, weil das die Resilienz erhöhe. Allerdings befänden sich EU und Deutschland hier in einem „gewissen Dilemma“.
Doch es gibt auch Analysten der Rohstoffszene, die aus Sicht Europas zur Gelassenheit raten. Dass mehr Gas aus den USA kommt, ist für sie generell wenig überraschend, denn die Union wendet sich sukzessive vom früheren Großlieferanten Russland ab. Ende 2027 soll damit endgültig Schluss sein. „Europa benötigte im vergangenen Jahr mehr LNG, und glücklicherweise steigerten die USA ihre Exporte“, sagte Anne-Sophie Corbeau vom Center on Global Energy Policy an der Columbia-Universität der Süddeutschen Zeitung.
Günstig für die Europäer war zudem, dass China seit dem Zollstreit kein LNG mehr aus den USA importiert und die Nachfrage im Rest Asiens schwach war. Das führte zu niedrigen Preisen. Deshalb sieht Corbeau die bisherige Situation als rein marktgetrieben. Zum gleichen Ergebnis kommt Georg Zachmann, Experte für Energiepolitik in der europäischen Denkfabrik Bruegel. Die Lieferungen aus den USA hätten unter anderem Exporte aus Nahost und Afrika verdrängt, die aber schnell wiederbelebt werden könnten, schreibt Zachmann der SZ: „Im Gegensatz zu Pipeline-Importen, lassen sich LNG-Anbieter vergleichsweise schnell austauschen, und die Abhängigkeiten sind begrenzt.“
Könnte Trump die Gaslieferungen einfach stoppen?
Die Gefahr, Präsident Trump könnte so wie Wladimir Putin die Erdgaslieferungen nach Europa per Anweisung stoppen, halten Corbeau und Zachmann für mehr oder weniger hypothetisch. An den Geschäften seien Privatunternehmen und Abnehmer aus aller Welt beteiligt, „weder das Weiße Haus noch die EU-Kommission entscheiden, wohin LNG geliefert wird“, meint Corbeau. Zudem haben die US-Konzerne nun schon den großen chinesischen Markt verloren, da wäre der zusätzliche Verlust der EU für sie ein schwerer Schlag.
Insofern stellt sich fast die Frage, wer hier von wem abhängig ist. In den USA läuft ein beispielloser Ausbau der Flüssigerdgas-Kapazitäten, das Angebot könnte sich in den kommenden Jahren etwa verdoppeln. Selbst Experten rätseln, wohin dann all das Gas verschifft werden soll. Denn auch andere Produzenten wie Katar bauen massiv aus. „Europa ist vielleicht in einer besseren Position, als man denkt“, so Corbeau.
Die Analysten raten Europa, in der geopolitisch schwierigen Lage weiter unabhängiger von den fossilen Brennstoffen Öl und Gas zu werden. Denn hier ist die EU fast völlig von Importen abhängig. Energieeffizienz, Elektrifizierung von Verkehr, Heizungen und Industrieprozessen seien wichtige Maßnahmen. So ging der Erdgasverbrauch in der EU seit 2022 schon um etwa 20 Prozent zurück. Außerdem sollten die Erneuerbaren als heimische Energiequelle entschieden ausgebaut werden, Zachmann spricht vom „Königsweg, um Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz zu verbinden“.
Einige Länder sehen das offensichtlich auch so. Auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche kommen hochrangige Politiker und Unternehmensvertreter aus halb Europa an diesem Montag nach Hamburg zum dritten sogenannten „Nordsee-Gipfel“. Deutschland, Belgien, Dänemark, Irland, Luxemburg, die Niederlande und Norwegen sowie Frankreich, Großbritannien und Island wollen vereinbaren, die Windenergie auf See effizienter und kostengünstiger voranzutreiben und so auch die heimische Windindustrie zu unterstützen. Wie es aus Kreisen der Bundesregierung heißt, stärken die Länder damit Europas Resilienz und Energiesicherheit. Auch die EU-Kommission und die Nato nehmen an dem Treffen teil.
In Washington dürfte man diesen Gipfel misstrauisch beäugen. Denn Ende Juli hatten Trump und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Schottland eine Einigung im Zollstreit verkündet, darin steht ein Passus, in dem die EU ankündigt, bis Januar 2029 Energieprodukte wie Öl, Gas oder Uran im Wert von 750 Milliarden Dollar aus den USA zu kaufen. Um das zu erreichen, müsste Europa seine US-Energieimporte pro Jahr etwa verdreifachen. „Das ist absolut unrealistisch“, sagt Analystin Corbeau.
Diese astronomische Zahl in der Vereinbarung verdeutlicht allerdings, dass die US-Regierung im Sinne ihrer Öl- und Gasindustrie die Europäer weiterhin dazu drängen wird, noch mehr zu kaufen. Dazu kritisierten Kabinettsmitglieder in Washington bereits Europas Klima-Gesetzgebung. Etwa die Verordnung zur Reduzierung von Methanemissionen, die auch für Unternehmen gilt, die Erdgas nach Europa exportieren wollen. Oder die Nachhaltigkeitsrichtlinie CSDDD zum Schutz von Menschenrechten und Umwelt. Ebenso ist Washington der europäische CO₂-Einfuhrzoll (Cbam) zuwider. Anne-Sophie Corbeau sagt, der Angriff der US-Regierung gegen diese Regulierungen laufe bereits, und „der Druck könnte sich noch erhöhen“.

