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Endphaseverbrechen der Nationalsozialisten:Nicht einmal Nazis sind vor dem Terror sicher

Doch nicht nur Soldaten müssen sich davor hüten, in den Ruf von "Defätisten" und "Verrätern" zu kommen, auch Zivilisten werden zum Durchhalten auf Gedeih und Verderb gezwungen. Im Osten des Reiches werden der Bevölkerung gezielte Fluchtvorbereitungen untersagt, trotz des absehbaren Vormarschs der Roten Armee.

Der "Flaggenerlass" des SS-Reichsführers Heinrich Himmlers vom März 1945 sieht drastische Strafen für Deutsche vor, die sich dem Feind ergeben wollen: In Häusern, auf denen eine weiße Fahne gehisst wird, sollen alle Männer ab einem bestimmten Alter erschossen werden.

Selbst auf das Leben der Deutschen nach dem Krieg soll keine Rücksicht mehr genommen werden. Hitler verfügt am 19. März 1945 in seinem sogenannten Nerobefehl eine Politik der verbrannten Erde. Beim Rückzug der Wehrmacht sollen jedwede Infrastruktur und alle Sachwerte, "die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann", zerstört werden.

Letzte Abrechnung mit den Gegnern

Empathie hat der Führer nur für ein siegreiches Volk. "Wenn das deutsche Volk nicht bereit ist, sich für seine Selbsterhaltung einzusetzen, gut: dann soll es verschwinden", soll er bereits im Januar 1945 im Führerhauptquartier gesagt haben. Was nach dem Kampf übrigbleibe, seien "ohnehin die Minderwertigen; denn die Guten seien gefallen", wird ihn nach dem Krieg Albert Speer zitieren (mehr dazu hier).

Die Unbarmherzigkeit der Führung spiegelt sich auch in der Bevölkerung wider, bei SS-Truppen und der Wehrmacht, aber auch in lokalen NSDAP-Zirkeln, dem Volkssturm oder der Hitlerjugend. NS-Durchhaltefanatiker gehen mit großer Brutalität gegen diejenigen vor, die durch eine Kapitulation unnötiges Blutvergießen vermeiden wollen.

Das Motiv der Mordwut ist häufig politisch, wie der Heidelberger Geschichtsprofessor Edgar Wolfrum schreibt. Das Selbstvertrauen von Kriegs- und Regimegegnern habe überzeugte Nationalsozialisten zum letzten Vernichtungswillen aufgestachelt. Den Triumph eines Untergangs des "Dritten Reiches" sollten sie nicht erleben. "Es ist die letzte Abrechnung mit Gegnern, denen die Zukunft zu gehören scheint", sagt Sven Keller.

In Ansbach wird der noch nicht einmal 20-jährige Kriegsgegner Robert Limpert von einem Luftwaffen-Oberst verurteilt und dann eigenhändig erhängt - er hatte ein Telefonkabel zerschnitten, das den Gefechtsstand des Kommandanten mit der Truppe verband. Nur wenige Stunden später nehmen US-Soldaten die Stadt ein.

Ein zweifelndes "Oho!"

Doch man konnte schon für weniger hingerichtet werden. Dem Zellinger Bauern Karl Weiglein wird wegen zweier unvorsichtiger Bemerkungen der Prozess gemacht. Er hatte sich abfällig über eine Brückensprengung geäußert und die Drohung, Deserteure würden vors Standgericht kommen, mit einem "Oho!" quittiert. Als dann ein Sabotageakt entdeckt wird, wird der aufsässige Bauer an einem Birnbaum vor seinem Wohnhaus aufgeknüpft - ohne einen Beweis seiner Schuld (nachzulesen in der Main-Post).

Das sind keine Einzelfälle. An vielen Orten im ganzen Reich werden zahlreiche Menschen als "Verräter" hingerichtet, Männer, aber auch Frauen, zum Teil ganze Familien. Selbst überzeugte Nationalsozialisten sind vor Verfolgung nicht sicher. "Es gab auch Nazis, die zum Opfer von Endphaseverbrechen wurden, weil sie vorzeitig das Hitler-Bild von der Wand nahmen", sagt Keller. Der Historiker schätzt die Zahl der Zivilisten, die Opfer sogenannter Weiße-Fahne-Verbrechen wurden, auf eine hohe dreistellige oder niedrige vierstellige Zahl.

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