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Endlagersuche:Söder kritisiert Ausschluss von Gorleben

Bayerns Ministerpräsident stört, dass der niedersächsische Standort bei der Suche nach einem Atom-Endlager keine Rolle mehr spielt. Süddeutschland rückt erstmals in den Fokus.

Von Michael Bauchmüller und Jens Schneider, Berlin

Die Vorauswahl für den Standort eines atomaren Endlagers stößt auf massive Kritik der bayerischen Regierung. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte vor allem den Ausschluss des Standortes Gorleben in Niedersachsen unverständlich. "Wenn man breit angelegt diskutieren möchte, bleibt die Frage, warum man Gorleben fundamental ausschließt", sagte Söder am Montag in München. "Das ist eine Schwäche in der Argumentation."

Zuvor hatte die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Montag eine Liste von 90 sogenannten Teilgebieten im ganzen Bundesgebiet vorgelegt, die nach geologischen Kriterien für eine mögliche Endlagerung geeignet wären. Die BGE benennt gut 70 Salzvorkommen, aber auch große Regionen mit Ton- oder Granitschichten. Erstmals zählen dazu auch weite Gebiete in Bayern oder Baden-Württemberg. Mehr als die Hälfte der deutschen Fläche findet sich nun in diesen Teilgebieten wieder, darunter allerdings auch Städte und größere Siedlungen - die für den Bau eines Endlagers kaum taugen können. Aufbauend auf dieser Auswahl soll nun der Kreis potenzieller Standorte immer weiter eingeengt werden. Man befinde sich in der ersten Phase der Suche, sagte BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz. Ein Teilgebiet sei noch lange kein Endlagerstandort.

Ausdrücklich ausgeschlossen wurde aber schon jetzt der Salzstock in Gorleben, der 1977 als Standort für ein Endlager benannt worden war. Die damalige Entscheidung hatte über Jahre massiven Widerstand nicht nur in der Region ausgelöst. Gorleben wurde zu einem bundesweiten Symbol des Anti-Atom-Protestes. Der Salzstock im Wendland habe zu vielen geologischen Kriterien nicht genügt, sagte Kanitz. "Es hat zu keinem Zeitpunkt den Versuch politischer Einflussnahme gegeben."

Stattdessen trifft nun ein Passus im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern auf Kritik. "Wir sind überzeugt, dass Bayern kein geeigneter Standort für ein Atomendlager ist", heißt es dort. Solche Vorfestlegungen dürfe es nicht mehr geben, kritisierte Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter. Auch der Ausschluss Gorlebens sei auf Basis wissenschaftlicher Kriterien erfolgt. Umweltschützer lobten dies. Greenpeace sprach von einem "guten und entscheidenden Schritt". Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) nannte das Ende des Projekts Gorleben "das überragende Ergebnis" der ersten Auswahlstufe. Als nächstes sollen Bürger und Experten in überwiegend virtuellen Konferenzen über die Ergebnisse des Berichts diskutieren. In betroffenen Regionen sollen "Online-Sprechstunden" stattfinden. Danach soll ein kleinerer Kreis von Regionen für eine eingehendere Prüfung ausgewählt werden. Ziel ist es, bis 2031 unter den verschiedenen Kandidaten das bestmögliche Endlager für den hochradioaktiven Müll deutscher Atomkraftwerke gefunden zu haben. Er füllt 1900 Castoren.

© SZ vom 29.09.2020
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