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Zweiter Weltkrieg:Ende und Anfang

Zeitzeugen der letzten großen deutschen Offensive an der Westfront: Veteranen der US-Streitkräfte gedenken am Mardasson Denkmal in Belgien der verlustreichen Ardennenschlacht von Dezember 1944 bis Januar 1945.

(Foto: Francisco Seco/AP)

Vor 75 Jahren kam der Untergang des "Dritten Reiches" in Sicht. Wie muss sich unser Blick auf diese Epochenzäsur verändern, wie werden wir ihrer Bedeutung gerecht?

Im historischen Gedächtnis der Bundesrepublik firmiert sie oft nur als die Rede, und tatsächlich haben sogar viele Jüngere noch einen, wenn auch vagen, Begriff davon, dass Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes die richtigen Worte fand. Von heute aus gesehen ist das ähnlich lange her wie damals die Kapitulation der Wehrmacht. Aber man erinnert sich daran, dass der Bundespräsident für seinen Auftritt vor dem Bundestag am 8. Mai 1985 Lob und Anerkennung erntete wie keiner seiner Amtsvorgänger, ja wie kein deutscher Politiker vor ihm, der die Epochenzäsur zu würdigen suchte. Alsbald millionenfach verbreitet, in knapp zwei Dutzend Sprachen übersetzt, stieß der Text nicht zuletzt im Ausland auf große Zustimmung - trotz oder wegen seiner ausgeklügelten Rhetorik, die so tat, als spreche der Redner nur zu seinen Landsleuten: "Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden", lautete Weizsäckers Eingangspostulat.

Ein solcher Rückgriff auf Pathosformeln protestantischer Innerlichkeit würde heute nicht nur kaum mehr verstanden; er wäre überflüssig, ja fatal.

Er wäre überflüssig, weil die Generationen, die das Dritte Reich hauptsächlich getragen hatten, unterdessen gestorben sind - weshalb denn auch Weizsäckers zentrale normative Aussage kaum mehr in Widerspruch zu anders gelagerten persönlichen Erinnerungen geraten kann: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung."

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Die präsidiale Schlüsselbotschaft, hineingesprochen in die vergangenheitspolitischen Konflikte der frühen Kohl-Jahre, bleibt richtig, auch wenn sie zehn Jahre später, zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, vor allem von Ostdeutschland aus mit Blick auf die Erfahrung der sowjetischen Besatzung und der nachfolgenden SED-Diktatur eine Relativierung erfuhr. Der Satz bleibt richtig auch angesichts gegenwärtiger neurechter Anfechtungen. Und er bleibt richtig trotz einer Reihe von Einwänden, die bald schon aufkamen, nachdem die Woge der Begeisterung ein wenig abgeebbt war: Zum einen nämlich hatte das Staatsoberhaupt Klarheit hinsichtlich des Faktums vermieden, dass es den Alliierten nicht um die Befreiung der Deutschen gegangen war, sondern um die Befreiung der Welt von Nationalsozialismus und Faschismus. Zum anderen hatte sich der vormalige Wehrmachtsoffizier von Weizsäcker doch sehr auf die gemischten Gefühle einer Mehrheit der "Volksgenossen" konzentriert, die sich im Frühjahr 1945 vor allem besiegt und bestenfalls erleichtert fühlten, dass der Krieg zu Ende war. Die Erfahrungen der tatsächlich Befreiten, der Überlebenden der Lager und der Todesmärsche, der Opfer und Verfolgten des Regimes, standen nicht im Zentrum seiner Betrachtung.

Traumata und Wiederaufbau - Europas Länder teilten nach dem Krieg ein verwandtes Schicksal

Deshalb wäre es fatal, wollten wir ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende des Dritten Reiches auf jenen quasinationalen Modus der Innenschau zurückgreifen, dessen sich Richard von Weizsäcker bediente. In der postnationalen Demokratie der alten Bundesrepublik eröffnete seine Rhetorik des "Unter uns" eine Möglichkeit, die staatliche Teilung anzusprechen ("Vierzig Jahre nach dem Ende des Krieges ist das deutsche Volk nach wie vor geteilt."); im vereinten Deutschland des Jahres 2020 müssen die Signale andere sein.

Ein nüchterner, aufgeklärter Blick auf die Konstellation des Frühjahrs 1945 kann über die nachwirkende Bindekraft der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" genauso wenig hinwegsehen wie über die sich rasch ausbreitende Tendenz der eben noch begeisterten Anhänger Hitlers, sich selbst als dessen eigentliche Opfer zu begreifen. Eine realistische, die Ergebnisse der neueren zeitgeschichtlichen Forschung einbeziehende Darstellung darf die Beobachtung nicht ignorieren, die nahezu alle irritierte, die wachen Sinnes in den Konvois der Alliierten auf das Reichsgebiet vorrückten, Kriegskorrespondentinnen und Nachrichtenoffiziere ebenso wie einfache Soldaten: Kein Deutscher, auf den die Besatzer trafen, wollte Nazi gewesen sein, niemand verantwortlich sein für die Verbrechen, von denen die Leichenberge in den Lagern zeugten.

In den Jahrzehnten, die seit der berühmten Rede des noch als Zeitgenossen sprechenden Richard von Weizsäcker vergangen sind, ist viel Verdrängtes ans Tageslicht gekommen, das unsere Vorstellung von der Zäsur des Frühjahrs 1945 zu schärfen vermag. Manches, weil auch die Geschichtswissenschaft erst spät begonnen hat, den Berichten der Überlebenden wirklich Gehör zu schenken; anderes, weil es einer zweiten oder gar dritten Generation der Nachgeborenen bedurfte, ehe Neugier entstand für die auf Dachböden und in Kellern verwahrten Familiendokumente. So erklärt sich, dass noch immer neue Facetten des Kriegs- und Nachkriegsalltags an die Öffentlichkeit gelangen: in Form von Tagebüchern, Briefen, Fotos und seit geraumer Zeit sogar in Gestalt bunter Amateurfilme, mit denen die Spartenkanäle der Öffentlich-Rechtlichen inzwischen ganze Dokumentarserien bestreiten.

Das meiste davon mag für sich genommen nicht wirklich überraschend sein, vielleicht sogar die alte Tendenz zur deutschen Nabelschau befördern. Stellt man die Zeugnisse jedoch in den Zusammenhang von Krieg und Besatzung in Europa, dann können sie helfen, historisch-politisch bisher wenig beachtete Dimensionen der Frage zu erschließen, was das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft für den Kontinent und seine Menschen bedeutete.

Im Europa des Jahres 2020 - und über den Atlantik hinweg - muss es darum gehen, die nationalgeschichtlichen Perspektiven auf die Zäsur von 1945 zu überwinden; nicht zuletzt auch deshalb, weil sie noch immer vielfach geprägt sind durch den Kalten Krieg. Wir können des Kriegsendes nicht mehr "unter uns" gedenken, denn das "Wir", das Richard von Weizsäcker im Sinn hatte, ist so nicht mehr existent. Aber wir müssen es auch nicht, solange wir wissen, dass es nicht darum gehen darf, Verantwortlichkeiten zu verwischen. Worum es gehen sollte, wäre eine transnationale Erzählung: ein neues Narrativ, das uns Europäern zu zeigen vermag, wie eng Traumata und Neuanfang 1945 in allen aus dem Krieg entlassenen Gesellschaften und Gruppen beieinanderlagen.

Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena, er leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts.