Franco-Diktatur in Spanien:Wie Franco die innere Spaltung fortsetzte

Zusätzlich geschwächt wurden die Verteidiger der Zweiten Republik aber auch durch ihre eigene Zersplitterung. "Das republikanische Lager war in sich tief gespalten", sagt Collado Seidel. Neben Anhängern einer bürgerlichen parlamentarischen Demokratie gab es pragmatische oder sozialrevolutionäre Sozialisten, aber auch Kommunisten, trotzkistisch orientierte Parteigänger und das sehr starke Lager der Anarchisten, die vor allem in Katalonien, Aragonien und Valencia zu Beginn des Bürgerkrieges sofort Hunderte Kollektivierungen durchsetzten, sowie - ideologisch und politisch völlig entgegengesetzt - baskische und katalanische Nationalisten. Als einigendes Band all dieser unterschiedlichen Strömungen blieb letztlich nur der Abwehrkampf gegen die Putschisten.

Verstärkt wurde der Zwist durch den zunehmenden Einfluss der von der Sowjetunion gelenkten Kommunisten, die zum Teil sehr brutal gegen den "Feind in den eigenen Reihen" vorgingen. Innerhalb der Freiwilligenverbände der Internationalen Brigaden wurden vermeintlich subversive Kräfte ebenfalls unnachgiebig verfolgt.

Auch auf Seiten der Putschisten gab es unterschiedliche Gruppierungen. Doch Franco gelang es, die faschistischen, zum Teil auch sozialrevolutionären Kräfte der Falange und die reaktionär-katholischen Gruppierungen im April 1937 zu einer Partei zu fusionieren. "Das Franco-Lager war ein Militärregime, im Kriegszustand, unter Kriegsrecht, und vor allem keiner zivilen Kontrolle unterworfen. Da herrschten ganz andere Bedingungen als bei der Regierung auf der republikanischen Seite", erklärt Collado Seidel die Gründe, warum es Franco besser gelang, das eigene Lager auf Linie zu bringen - und mit Hilfe seiner Verbündeten in Deutschland und Italien zum Sieg zu führen.

Gebot des Schweigens

Der 1. April 1939 markiert das Ende des Spanischen Bürgerkrieges und zugleich den Beginn der Franco-Diktatur. Sie sollte erst Jahrzehnte später enden, mit dem Tode Francos im Jahr 1975. Wie sehr die Bürgerkriegsgeschichte auch noch diesen Zeitraum bestimmte, wie sehr die Spaltung in die "Zwei Spanien" nicht nur weiterwirkte, sondern noch zementiert wurde, ist erst in jüngerer Zeit wirklich deutlich geworden.

In den Jahren nach Franco schien zunächst Konsens darüber zu herrschen, dass die Gräben der Vergangenheit nicht aufgerissen, sondern durch Schweigen überdeckt werden sollten. Eine Aufarbeitung der Bürgerkriegsverbrechen und der massiven Repressionen der Franco-Ära wurde einem zumindest vordergründig vorhandenen gesellschaftlichen Frieden geopfert. Der Krieg sei "kein Ereignis, dessen man gedenken sollte", sagte selbst der sozialistische Ministerpräsident Felipe González, der Spaniens von 1982 bis 1996 regierte.

Mit zunehmendem Abstand zur Zeit der Diktatur sind jedoch insbesondere die Nachfahren der Opfer des franquistischen Terrors nicht mehr bereit, über die Verbrechen der Vergangenheit zu schweigen. Sie fordern Aufklärung und eine Rehabilitierung der Opfer. Vor allem seit im Zuge der sogenannten Gedächtnisbewegung seit der Jahrtausendwende immer mehr Tote exhumiert werden - mittlerweile sind es schon mehr als 20.000 -, die von Francos Schergen in Massengräbern verscharrt wurden, hat die Debatte über die Bewertung des Bürgerkriegs und der anschließenden Franco-Zeit breite Teile der Öffentlichkeit erfasst.

Massengrab aus dem Spanischen Bürgerkrieg entdeckt

Über die Vergangenheit soll nicht länger geschwiegen werden: Ausgrabungsarbeiten bei einem Massengrab aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs in Nordspanien

(Foto: REUTERS)

"Spanischer Holocaust"

Der neue Blick auf die Verbrechen Francos spiegelt sich aber auch in der historischen Forschung wider, die den "Gewaltcharakter" (Collado Seidel) des Regimes immer deutlicher herausstellt. Gegner der faschistischen Falange wurden auch nach dem Krieg zu Zehntausenden hingerichtet oder "verschwanden" einfach, sie wurden ins Gefängnis geworfen, enteignet, mit Berufsverboten belegt - oft wurden sogar die Familien bereits Hingerichteter zu Entschädigungszahlungen genötigt, die sie in den finanziellen Ruin trieben. Der Vernichtungswille gegenüber den vorherigen Gegnern war über Jahrzehnte hinweg so massiv, dass der große britische Spanienhistoriker Paul Preston hierfür den Begriff des "Spanischen Holocaust" prägte.

Erklären lässt sich der Terror gegenüber den Anhängern der Republik und ihren Angehörigen nur aus seinen Wurzeln im Bürgerkrieg. Eine zentrale Rolle wird hierbei der in den Kolonialkriegen brutalisierten und fanatisierten Afrikaarmee zugeschrieben, in der sich auch Franco seine militärischen Sporen verdient hatte. Ihre Kämpfer zogen mit dem Ziel in den Bürgerkrieg, Spanien von "unspanischen Elementen" zu befreien und von "inneren Feinden" zu reinigen.

Wie sehr diese ideologische Grundlage das Handeln der Franco-Truppen bestimmte und wie sehr sich ihr Vorgehen dadurch von dem der republikanischen Truppen unterschied, hat Preston deutlich aufgezeigt. Demnach wurde während des Bürgerkriegs von beiden Seiten Terror auch gegen Zivilisten ausgeübt. Der britische Historiker macht jedoch deutlich, dass die von den Verteidigern der Republik begangenen Verbrechen eher am Anfang des Bürgerkriegs standen und in dem Maße zurückgingen, wie die Regierung in Madrid die eigenen Truppen unter Kontrolle brachte.

Ganz anders auf Seiten der Nationalisten: Unter dem Kommando Francos wurde der Terror zur offiziellen Politik erhoben. Anhänger der Republik auch weit entfernt von den Fronten verfolgt und wahllos ermordet, systematisch Frauen vergewaltigt, um die vermeintlichen Bolschewisten und Feinde einer natürlichen Ordnung zu demoralisieren. Diese Ideologie und das damit verbundene Ziel einer auch physischen Auslöschung der politischen Gegner blieb nach dem Krieg Leitbild für Francos Handeln.

Sein Sieg diente dem General als Legitimation für den gesamten Zeitraum seiner Herrschaft. "Das Franco-Regime ist ohne den permanenten Bezug auf den Bürgerkrieg nicht zu erklären", sagt Spanien-Experte Collado Seidel. Und so bedeutet der 1. April 1939 nach Ansicht herausragender Kenner der Materie wie Paul Preston oder des Historikers Angel Viñas für Spanien vielleicht weniger eine tiefgreifende Zäsur, als vielmehr einen sichtbaren Zwischenschritt auf dem Weg in das franquistische Terror-Regime.

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© Süddeutsche.de/odg/rus
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