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Emmanuel Todd:"Frankreich erwartet nichts mehr von Sarkozy"

Der Soziologe Emmanuel Todd über Frankreich in Zeiten der Krise, die Zukunft von Nicolas Sarkozy und warum französische Fußballspieler ruhig mal gegen ihren Trainer revoltieren dürfen.

Frankreich ist von der Wirtschaftskrise besonders betroffen, die Politik wird seit Wochen von der Steuerhinterziehungsaffäre um L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt gelähmt, die dringend nötige Rentenreform kommt nicht voran. Noch dazu sind Les Bleus in der Vorrunde der Fußball-WM ausgeschieden, zuvor hatten sie sich mit einer Meuterei gegen ihren Trainer Raymond Domenech vor aller Welt blamiert. Wo steht die Grande Nation an ihrem Nationalfeiertag?

sueddeutsche.de: Herr Todd, haben die Franzosen heute, an ihrem Nationalfeiertag, überhaupt etwas zu feiern?

Emmanuel Todd: Glaubt man den Umfragen, dann sind die Franzosen nicht in Feierlaune, sondern ziemlich pessimistisch. Trotzdem glaube ich, dass wir diese Häufung unschöner Dinge gelassener sehen, als das etwa die Deutschen täten.

sueddeutsche.de: Warum?

Todd: In Frankreich gibt es ein natürliches Misstrauen dem Staat gegenüber: Wir erwarten zwar viel von unseren Politikern, sind aber nicht erstaunt, wenn sie diese Erwartung nicht erfüllen. Deshalb können wir solche Krisensituationen ganz gut aushalten.

sueddeutsche.de: Auch wenn die eigene Mannschaft bei der Weltmeisterschaft alles andere als eine gute Figur macht?

Todd: Dass Frankreich nicht gut Fußball spielt, ist doch der Normalzustand. Das war die längste Zeit meines Lebens so.

sueddeutsche.de: Aber nicht, dass die Mannschaft das Training verweigert und ihren Trainer brüskiert.

Todd: Auch darin könnte man etwas typisch Französisches sehen: dem Chef in die Augen schauen und ihm sagen, er soll einem den Buckel runterrutschen. Das geht nur, wenn man aus einem Land kommt, das so stolz auf seine Revolutionen ist wie Frankreich. Gut fand ich diese Aktion aber trotzdem nicht.

sueddeutsche.de: Kann man nicht Parallelen zwischen dem Zustand der französischen Nationalmannschaft und der französischen Regierung sehen?

Todd: Dann müsste es im Umkehrschluss Spanien blendend gehen, doch dort liegt die Wirtschaft vollkommen am Boden. Und die junge deutsche Mannschaft kommt aus dem europäischen Land, das am meisten mit Überalterung kämpft. Außerdem klappt in der deutschen Politik das Zusammenspiel ja auch nicht so gut. Nein, der Vergleich von Sport und Politik hinkt. Aber manchmal denke ich mir schon: Seit Sarkozy Präsident ist, hat Frankreich nichts mehr gewonnen. Na ja, wenn man die Handball-WM im letzten Jahr nicht mitrechnet ...

sueddeutsche.de: Seit Wochen beherrscht die Affäre um L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt die Schlagzeilen, auch Präsident Sarkozy und sein Arbeitsminister Eric Woerth sind darin verwickelt. Was hat das für Folgen für das Ansehen der Politik?

Todd: Viele Franzosen sehen, dass es da eine ganz große Leere an der Spitze ihres Staats gibt. Das ist aber nicht erst seit dieser Steuerhinterziehungsgeschichte so. Zur Beliebtheit der Regierung trägt die Affäre natürlich nicht bei. Nur 30 Prozent der Bevölkerung sind mit Nicolas Sarkozys Politik einverstanden, so einen niedrigen Wert hatte ein französischer Präsident noch nie.

sueddeutsche.de: Hat ihm das große Fernsehinterview am Montag genützt?

Todd: Er ist schon ganz gut rübergekommen. Das liegt aber nur daran, dass er normalerweise sehr aufgedreht ist. Wenn er sich dann einmal ruhig hinsetzt und staatsmännisch redet, ist man immer gleich ganz angetan. Inhaltlich war der Auftritt enttäuschend. Genau wie seine Politik: Die Rentenreform etwa, die er und sein angeschlagener Arbeitsminister Eric Woerth gerade durchbringen wollen, ist bedeutungslos, das gestern beschlossene Burka-Verbot völlig überflüssig.

sueddeutsche.de: Gibt es kein Gebiet, auf dem Sarkozys Politik etwas bewirkt hat?

Todd: Nein, ganz im Gegenteil. Eines von Sarkozys wichtigsten Anliegen ist es, die Kriminalität im Land zu bekämpfen. Er benimmt sich aber selbst wie die Axt im Wald, stößt Politiker anderer Länder vor den Kopf und beleidigt harmlose Bürger. Das lädt doch zu rüpelhaftem Verhalten ein!

sueddeutsche.de: Was erwarten Sie jetzt von Ihrem Präsidenten?

Todd: An dieser Frage merkt man, dass Sie Deutsche sind. In Frankreich erwartet man nichts mehr von Nicolas Sarkozy.

sueddeutsche.de: Dann wird er also 2012 nicht wiedergewählt?

Todd: Er schafft es nur in eine zweite Amtszeit, wenn es, wie vor der letzten Wahl, zu Gewaltausbrüchen in den Banlieues kommt und sich vor allem die Älteren aus Angst hinter ihn und seine Sicherheitspolitik scharen. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn Sarkozy so eine Situation provozieren würde. Im April hat er einen Elitepolizisten zum Präfekten des sozial schwierigen Departements Seine-Saint-Denis ernannt - das geht schon in die Richtung.

sueddeutsche.de: Wenn man Ihnen zuhört, kriegt man den Eindruck, das Land ist dem Untergang geweiht.

Todd: Man könnte sich einmal hinsetzen und eine Liste machen, was in Frankreich alles schiefläuft - die wäre ziemlich lang. Beim Durchlesen würde man wohl nicht verstehen, wie dieses Land überhaupt bestehen kann. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Menschen hier im Großen und Ganzen ziemlich glücklich sind.

Der Soziologe und Historiker Emmanuel Todd, 59, arbeitet am Institut national d'études démographiques (INED) in Paris. In Deutschland ist vor allem sein 2003 erschienenes Buch Weltmacht USA. Ein Nachruf bekannt.

© sueddeutsche.de/gba/bgr

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