Emmanuel Macron Plötzlich sozial

Emmanuel Macron bei seiner Rede vor französischen Sozialarbeitern.

(Foto: dpa)

Der französische Präsident wirkte lange wie ein Wirtschaftsliberaler. Nun würdigt er mit einigem Pathos die Armen als "Kämpfer an allen Fronten". Doch seine Taten bleiben eher von kleinem Format.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Als Marine Le Pen im vergangenen Jahr die Stichwahl ums französische Präsidentenamt erreichte, suchten die schockierten Deutschen panisch nach Antworten. Sind die Franzosen alle rechtsradikal? Wenn ja - warum und seit wann? In diesen Wochen der nachbarschaftlichen Verunsicherung nahm der französische Soziologe Didier Eribon die Deutschen an die Hand.

In seiner biografischen Analyse "Rückkehr nach Reims" erklärte er, mit welcher Verachtung die französische Elite auf arme Menschen blickt. In Deutschland wurde das Buch zu einem Besteller, für viele Leser zum Welt-Erklär-Werk. Auf die Tagespolitik reduziert lautete Eribons These: Wer arm ist, wählt rechts. Unter dem wirtschaftsliberalen Präsidenten Emmanuel Macron wird die Zahl der Armen steigen. Folglich wird bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2022 automatisch Marine Le Pen gewinnen.

Noch vor drei Monaten schimpfte Macron über Sozialleistungen

Eribon hat in Frankreich deutlich weniger Fans als in Deutschland. Doch eine Mehrheit der Bevölkerung teilt seine Einschätzung, dass Macron eine Politik macht, von der vor allem die bessergestellten Schichten profitieren. Aus Macrons Versprechen, linke und rechte Positionen zu vereinen, wurde in seinem ersten Amtsjahr ein Reform-Marathon, der vor allen Dingen zwei Ideale kannte: Leistungsfähigkeit und Flexibilität. Es war, als hätten Hunderttausende linke Wähler einer französischen Variante der FDP in den Élysée-Palast geholfen.

Diesem Eindruck ist Macron am Donnerstag nun zum ersten Mal entschieden entgegengetreten. Und es klang, als hätte er vorher Eribons Werk studiert. "Nicht Sie sind das Problem, wir sind das Problem", sagte Macron und blickte zu der ehemaligen Obdachlosen, zu der alleinerziehenden Mutter und zu dem Sozialarbeiter, die er als Kronzeugen seiner Initiative gegen Armut eingeladen hatte. Derselbe Präsident, der noch vor drei Monaten geschimpft hatte, Frankreich stecke "irre viel Kohle" in sinnlose Sozialleistungen, verbeugte sich auf einmal in einer einstündigen Rede vor den Armen des Landes. Er würdigte sie als "Kämpfer an allen Fronten". Wer sagt, dass der Staat zu viel Geld in die Unterstützung der Armen investiere, "vergiftet den Zusammenhalt der Nation".

Große Worte, kleine Taten

Der jetzige sozialpolitische Vorstoß kommt nun just in dem Moment, in dem Europas Parteien beginnen, sich für die Wahl im Mai 2019 zu sortieren. Zweimal bemüht Macron in seiner Rede das abschreckende Beispiel des Brexit. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals hätten sich diejenigen gegen Europa entschieden, die das Gefühl hätten, das politische System sei "nichts mehr für sie". Seinen Wahlsieg verdankt Macron Franzosen, die überdurchschnittlich gut verdienen und überdurchschnittlich gut ausgebildet sind. Um eine Niederlage bei den Europawahlen zu verhindern, ist es für Macron höchste Zeit, auch die Bevölkerungsschichten von sich zu überzeugen, deren Lebensläufe keine kosmopolitisch-europäischen Erfolgsgeschichten erzählen.

Im Vergleich zu Macrons großen Worten fallen seine Taten jedoch eher klein aus. Acht Milliarden Euro will der Präsident für die neun Millionen Franzosen zur Verfügung stellen, die zu den Ärmsten des Landes gehören, immerhin. Erst im Frühjahr allerdings hatte er einen ambitionierten Plan zur Aufwertung der heruntergekommenen Vorstädte zu einer Sparvariante zusammengekürzt - der hätte insgesamt 38 Milliarden Euro gekostet.

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