Emmanuel Macron Monsieur le Président provoziert Widerstand

So groß die Begeisterung ist, so groß ist nun die Sorge: Streiken die Franzosen ihrem Präsidenten seine Visionen kaputt?

(Foto: AFP)

Emmanuel Macron stößt jeden Tag eine neue Debatte an und irritiert damit das Land. Es ist fraglich, ob er mit dieser Art von Führung das zersplitterte Frankreich einen kann.

Kommentar von Nadia Pantel, Paris

Bis zur Hyperventilation wurde darüber diskutiert, dass Frankreichs Première Dame, Brigitte Macron, einige Jahre älter ist als ihr Mann. Vor lauter Aufregung ging ein Detail ihrer Biografie unter: Die geborene Brigitte Trogneux entstammt einer Dynastie der Macaron- Fabrikanten. Dieses klebrige Mandelgebäck teilt mit Frankreichs Präsident nicht nur den Klang des Namens, sondern auch die Eigenschaft, im Ausland beliebter zu sein als im Inland.

Die Deutschen sind Emmanuel Macron fast schon zärtlich zugetan. Dieser optimistische junge Mann, der Marine Le Pen zur Strecke gebracht hat und auch noch Goethe zitieren kann! Macron zeigt den Deutschen Frankreich so, wie sie sich ihre Nachbarn am liebsten vorstellen: immer eine Spur eleganter als sie selbst. So groß die Begeisterung ist, so groß ist nun die Sorge. Streiken die Franzosen ihrem Präsidenten seine Visionen kaputt?

Alle Konflikte, die Macron austrägt, hat er sich selber ausgesucht. Er ist kein schützenswerter Europa-Idealist, dem man ein Biotop bauen müsste. Er ist ein Mann mit wahnwitziger Energie und ausgeprägtem Hang zur Kontrolle. Der Präsident hat so viele Gesetzesänderungen auf den Weg gebracht, dass die meisten Bürger gar nicht mehr genau wissen, welche davon sie eigentlich gut und welche sie schlecht finden. In dem allgemeinen Durcheinander gibt es nur einen, der den Überblick behält: Monsieur le Président.

Der Präsident provoziert den Widerstand jeden Tag neu, aber er macht kaum Fehler

Besetzte Universitäten, blockierte Züge, geschlossene Kindergärten, Krankenhäuser ohne Pflegepersonal. Franzosen aller Berufszweige sehen in Macrons Initiativen keine Reformen, sondern das Verschwinden essentieller Sicherheiten. Man mag ihnen recht geben oder nicht. Sicher ist nur, dass der Präsident vom Widerstand nicht überrascht sein dürfte. Im Gegenteil. Fast täglich stößt Macron eine neue Debatte an. Als wären Bahnstreik und Syrienkrise nicht Konflikte genug, irritierte er Anfang der Woche das Land, indem er der katholischen Kirche seine Freundschaft anbot. Auf wenig sind die Franzosen so stolz wie auf ihren Laizismus. Wer Politikern, Philosophen und Journalisten so richtig den Schaum vor den Mund treiben will, kann nichts Klügeres tun, als sich ambivalent zur Trennung von Kirche und Staat zu äußern.

Das Ergebnis all dieser Aufregung ist ein allgegenwärtiger Präsident. Worüber die Franzosen heute schimpfen, ist morgen schon wieder vergessen. Diese Strategie der Großbaustelle könnte sich gegen Macron wenden, wenn er alle gleichzeitig verärgert und so die Allianzen ermöglicht, von denen seine Gegner träumen. Doch von so einer Einigkeit gegen den Präsidenten ist Frankreich weit entfernt.

Es ist genau ein Jahr her, da wollten bei der Präsidentschaftswahl jeweils gut zwanzig Prozent der wählenden Franzosen ganz nach rechts (Marine Le Pen), weit nach links (Jean-Luc Mélenchon) oder direkt zurück in die Fünfzigerjahre (François Fillon). In diesem zersplitterten Frankreich behauptet Macron: Die Mitte bin ich. Ob das dem Land hilft, tatsächlich wieder so etwas wie eine Mitte zu finden, ist eine andere Frage.

Der TV-Journalist Jean-Pierre Pernaut, der am Donnerstag Macron für ein Millionenpublikum sehr freundliche Fragen stellte, ist übrigens erklärter Macaron-Fan. Pernaut soll zu den Stammkunden des Ladens der Eltern von Brigitte Macron gehören. Dieser Präsident überlässt nichts dem Zufall.

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