US-Wahl 2020 Elizabeth Warren stellt die Systemfrage

Die US-Senatorin Elizabeth Warren in dem Moment, als sie ihre Präsidentschaftskandidatur für die Demokraten verkündet.

(Foto: Thorsten Denkler ; Thorsten Denkler)
  • Die demokratische US-Senatorin Elizabeth Warren hat am Samstag ihre Präsidentschaftskandidatur offiziell gemacht.
  • In der ehemaligen Industriestadt Lawrence im Bundesstaat Massachusetts verspricht sie ihren Fans, die Macht der Reichen und Gut-Vernetzten zu durchbrechen.
  • Warren gehört zu den Schwergewichten unter den bisherigen demokratischen Bewerbern.
Von Thorsten Denkler, Lawrence

Elizabeth Warren breitet ihre Arme aus, als würde sie jeden Einzelnen umarmen wollen, der an diesem kalten Samstagmorgen nach Lawrence im US-Bundesstaat Massachusetts gekommen ist. Sie lächelt, sie strahlt. Gerade hat sie es gesagt. Dass sie Präsidentin der Vereinigten Staaten werden will, erste Frau im Oval Office. Jubel brandet auf. "USA! USA! USA!", rufen sie und schwenken Sternenbanner-Fähnchen. "War-ren! War-ren! War-ren!" Manche haben Tränen in den Augen. Könnte sie es wirklich schaffen?

Warren, 69 Jahre alt, ist nicht die erste Demokratin, die 2021 Trump im Weißen Haus ablösen will. Aber sie gehört zu den Schwergewichten in der US-Politik. Sie ist die erste Senatorin für Massachusetts, jetzt in ihrer zweiten Amtszeit, eine Harvard-Rechtsprofessorin, unter Präsident Barack Obama war sie eine seiner Beraterinnen. Sie war es, die maßgeblich die mächtige US-Verbraucherschutzbehörde mit ins Leben gerufen hat.

Jetzt steht sie hier im Hinterhof der Everett Cotton Mills, einem Industriewahrzeichen von Lawrence. Vor etwas über 100 Jahren war Lawrence eine der industriellen Herzkammern der USA. Das Zentrum der Textilproduktion. Entlang des Merrimack River stehen hier noch immer sechs, siebengeschossige Fabriken, Lager und Verwaltungsgebäude wie riesige Backsteine auf ein Drahtseil gefädelt.

In den Everett Spinnereien haben damals Zehntausende Menschen gearbeitet. Unter übelsten Bedingungen. Arbeiterinnen und Arbeiter verloren Hände, Arme, nicht wenige ihr Leben. Bis eines Tages die Frauen aufstanden. Sie gingen in den Streik, sie forderten "Brot und Rosen", heute ein geflügeltes Wort für bessere Bezahlung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Die Frauen von Lawrence gewannen nach einem langen, harten Arbeitskampf. Andere Städte folgten. Die USA waren danach ein anderes, ein besseres Land, sagt Warren. "Das ist eine Geschichte über Macht - die Macht, die wir haben, wenn wir zusammen kämpfen."

Warren gehört selbst zu denen, die immer kämpfen musste. Warren ist in Oklahoma aufgewachsen. Eine Mittelstandsfamilie ohne große Reserven. Als ihr Vater einen Herzinfarkt bekam, hat ihre Familie fast alles verloren. Ihre Mutter ist mit 50 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben außerhalb des Hauses arbeiten gegangen, sagt Warren. In einen Supermarkt. Der Job hat das Haus gerettet, die Familie.

Es ist diese Geschichte, die Clifton Braithwaite, 52, aus Boston beeindruckt. Schirmmütze mit US-Flagge, darüber die Kapuze eines Hoodies in Sternenbanner-Optik. Er macht Wahlkampf für Warren. Und zwar schon seit Warren 2012 zum ersten Mal als Senatorin kandidierte. Davor war er Manager in einem Hip-Hop-Label. Im wahren Hip-Hop, sagt er, da geht es um "soziale Ungleichheit, um Ausgrenzung, um Menschen". Er wollte die Ideen des Hip-Hop in die Politik bringen. Ausgerechnet in Elisabeth Warren sah er sie erfüllt. "Sie weiß, was es heißt, in einer hart arbeitenden Familie groß zu werden", sagt Braithwaite. "Sie wird für uns kämpfen." Sie scheint ihn in den vergangenen sieben Jahren nicht enttäuscht zu haben.

Clifton Braithwaite war erst Hip-Hop-Produzent, bevor er zum politischen Campaigner für Elizabeth Warren wurde.

(Foto: Thorsten Denkler)

Aber eine Jura-Professorin, die für die Arbeiter kämpft, ist die nicht doch zu akademisch, wie manche Demokraten glauben? Auf keinen Fall, findet Cathrine Lehar, 64. Auch sie ist aus Boston angereist, eine Stunde mit dem Auto. Lehar hat sich bereits einen Button mit dem Konterfei der Kandidatin an das T-Shirt geheftet: "Warren for President 2020." Warren kann so reden, dass es jeder versteht, sagt sie. Was sie an ihr schätzt? "Ihre Stärke, ihre Durchsetzungskraft, ihre Humanität. Und dass sie eine sehr freundliche Person ist. "

Cathrine Lehar ist jetzt schon ein Fan von Elisabeth Warren.

(Foto: Thorsten Denkler)

Stärke und Durchsetzungskraft wird Warren brauchen, wenn sie erreichen will, was sie ihren Fans hier verspricht: die Macht der Reichen und der Gut-Vernetzten brechen, die die US-Politik bestimmen. Dass einer wie Donald Trump heute im Weißen Haus sitzt, das sei nur ein übles Symptom, nicht aber der Grund für den Zustand der Gesellschaft, sagt Warren. Viel mehr sagt sie nicht zu Trump. Außer, dass die derzeitige Regierung die korrupteste ist, die das Land je gesehen hat.

Nein, sie will keinen Sozialismus, wie ihr von republikanischer Seite vorgeworfen wird. Sie will nur ein Land, das für alle funktioniert, nicht nur für die obersten Schichten. Darum will sie Gewerkschaften stärken, mehr in Schulen und Kindergärten investieren. Sie will die demokratischen Spielregeln reformieren. Alle Regeln, die bestimmte Menschen von der Wahl ausschließen, sollen aufgehoben werden. Es dürfte nicht mehr vorkommen, dass einem Farbigen die Wahl-Stimme genommen wird, nur wegen der Hautfarbe. Und sie will in den USA wieder das Prinzip gleiches Recht für alle zur Geltung bringen. Dass nicht länger eher ein Schwarzer für lange Zeit im Knast landet, als ein Weißer. So wie es heute ist. Fast jeder ihrer Sätze bekommt großen Applaus.

"Wie die Frauen von Lawrence sind wir da um zu sagen: genug ist genug", ruft Warren. "Enough is enough!" Und "enough is enough!", schallt es aus der Menge zurück. Was aber nicht reiche, dass sei hier ein Schräubchen zu drehen und da eine Kleinigkeit zu verändern. "Wir kämpfen für große, für strukturelle Veränderung", sagt Warren. Sie sagt es so nicht, aber das klingt nicht mehr nach Systemreparatur. Das klingt nach Systemwechsel. Hier zumindest erschreckt das niemanden. Es ist die Stelle, an der sie den größten Applaus bekommt.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob auch es auch im Rest des Landes genug Menschen gibt, die bereit sind für solche Veränderungen. Ob sich Grassroots-Kampagnen wie ihre gegen das große Geld durchsetzen können, von dem sich andere Kandidaten abhängig machen. Und - sollte sie die Vorwahlen überstehen - ob eine Frau wie Warren einem US-Präsidenten gewachsen ist, der keine Skrupel kennt.

Warren scheint daran zu glauben. Es werde ein harter Kampf, sagt sie. Viele werden sagen, es werde zu hart. "Denen sage ich: Macht euch bereit! Der Wandel kommt schneller, als ihr euch vorstellen könnt!" Sie sagt das mit soviel Macht und Nachdruck, dass einem angst und bange werden könnte. Ihre Botschaft ist klar: Warren will es nicht nur weit bringen im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Sie will ins Weiße Haus. Punkt.

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