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Elektroautos:Ein Land im Spannungsabfall

Der deutschen Politik gelingt es nicht einmal ansatzweise, die ehrgeizigen Ziele bei der E-Mobilität zu erreichen. Während man hierzulande zögert, schreiten andere beherzt voran. Die hiesige Autoindustrie wird dafür noch teuer bezahlen.

Noch schnell was einkaufen, die Kinder in die Schule bringen, ins Nachbarviertel zur Arbeit fahren: Wegen der kurzen Wege sind Deutschlands Ballungszentren eigentlich wie geschaffen für den Ausbau der Elektromobilität. Weil die Reichweite von E-Autos bislang klein ist und Städter pro Tag nur wenige Kilometer zurücklegen, wären die leisen und schadstofffreien Fahrzeuge eigentlich das ideale Fortbewegungsmittel für wachsende Metropolen. Ein E-Auto aber kauft sich bislang noch kaum jemand in Hamburg, Berlin, München oder Frankfurt. Denn es lässt sich vor der Tür meist nicht laden. Besitzer von E-Autos drohen in den Städten saftlos vor der eigenen Tür zu stranden.

Der schleppende Ausbau der Elektromobilität in Deutschland wird zum Fiasko für Politik und Wirtschaft. Eine Million E-Autos sollten eigentlich 2020 auf deutschen Straßen unterwegs sein. Gut zwei Jahre vor dem Stichtag sind es gerade mal 50 000. Die Förderprogramme erweisen sich als Flop. Nur ein Bruchteil der zur Verfügung stehenden Millionen floss bislang ab. Erst weniger als ein Prozent der Deutschen sind auf den neuen Antrieb umgestiegen. Dass E-Autos teuer sind, ist nur ein Grund der Misere. Ausgebremst wird die Technologie vor allem von der fehlenden Infrastruktur.

Deutschland ist viel zu zögerlich bei der E-Mobilität. Das rächt sich

Ein neues Gesetz soll es Privatleuten nun endlich erleichtern, selbst Abhilfe zu schaffen. Die Bundesregierung will die bislang viel zu hohen Hürden vor allem für Mieter und Wohnungseigentümer deutlich reduzieren. Denn selbst wer für die Ladesäulen vor der eigenen Tür bezahlen wollte, durfte sie bislang oft nicht errichten - es könnte sich ja ein Nachbar vom Anblick einer Station gestört fühlen.

Der neue Vorstoß reicht aber bei Weitem nicht aus. Deutschland stand bei Innovationen in der Mobilität oft an der Spitze. Das Auto wurde hier erfunden, der Vorläufer des Fahrrads auch. Siemens baute die erste E-Lok. Doch bei E-Autos setzen sich gerade andere an die Spitze. Mit Macht schaffen Hersteller wie das US-amerikanische Unternehmen Tesla oder der chinesische Hersteller BYD Fakten. In China wurden im vergangenen Jahr fast 50-mal so viele E-Autos zugelassen wie in Deutschland. Fünf Millionen Norweger besitzen dreimal so viele Elektrofahrzeuge wie 80 Millionen Deutsche. Das internationale Autoland Nummer eins ist auf bestem Weg, seine Vorreiterrolle zu verlieren. Politik und Wirtschaft begegnen dem rasanten weltweiten Wandel weiterhin viel zu zögerlich. Das Ende des Verbrennungsmotors ist kaum noch aufzuhalten. Dennoch wird in Deutschland noch immer über den Sinn einer nationalen Batteriefertigung diskutiert, das Herzstück der künftigen Autogeneration. Andernorts reifen bereits Baupläne. Und während Städte wie London neue Wege in der Mobilität gehen und mit deutscher Technologie Ladestationen an Straßenlaternen errichten, kommt Deutschland selbst über den Einsatz von Prototypen nicht hinaus.

Der Vorsprung ist in Gefahr, weil sich Industrie und Politik an Verbrennungstechnologien klammern, statt den Umbau beherzt voranzutreiben. Wer den Umstieg will, muss mehr liefern als eine Prämie. Politik und Wirtschaft haben dafür zu sorgen, dass Autofahren mit Strom bequemer und praktikabler wird. Gelingt das nicht, droht ein Wandel, den andere steuern. Die Autos der Deutschen rollen dann vielleicht nicht mehr aus hiesigen Werken, sondern aus Frachtschiffen Chinas.

© SZ vom 20.08.2018

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