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Streit um Vertiefung:In der Elbe wird jetzt gebaggert

Hamburg 20 Januar 2016 Stadtübersicht von der Hauptkirche Sankt Michaelis PUBLICATIONxINxGERxSUI

Vom Hamburger Hafen bis zur Mündung in die Nordsee werden in den nächsten zwei Jahren 40 Millionen Kubikmeter Erdreich und Schlick aus der Tiefe der Elbe geschaufelt.

(Foto: imago)
  • Nach dem Druck auf einen symbolischen Startknopf fängt ein Baggerschiff nun offiziell damit an, die Elbe auszubuddeln.
  • Der Streit um die Elbvertiefung dauerte 17 Jahre.
  • Die Betreiber sind überzeugt davon, dass Hamburg und die deutsche Wirtschaft diese sogenannte Fahrrinnenanpassung ganz dringend nötig haben. Umweltschützer sehen das weiterhin anders.
  • Fast 780 Millionen Euro soll die Operation kosten. Manche vergleichen das Projekt mit dem Bau der Elbphilharmonie.

Als es nun tatsächlich und wahrhaftig losgeht mit dieser Elbvertiefung, sind natürlich auch noch mal ein paar ihrer Gegner zusammengekommen. Am Anleger von Wedel bei Hamburg empfangen sie mit Plakaten und Trillerpfeifen das Ausflugsschiff MS Hammonia, auf dem an diesem Dienstag die Honoratioren zur feierlichen Premiere aufbrechen. Ein Naturschutzbündnis präsentiert mit Kellnern das "letzte Gedeck für die Tideelbe", tote Fische im Sektglas, und als der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer eintrifft, da begrüßen ihn die Demonstranten so: "Herr Scheuer, was soll der Quatsch, wir haben hier nur noch den Matsch."

Der Matsch ist das, was aus dem trüben, stoischen Fluss geholt werden soll, um ihn auch für die immer größeren Containerriesen und mithin den Hamburger Welthafen besser befahrbar zu machen. Dann beginnt die Tour, eskortiert von beachtlichem Polizeischutz mit Patrouille, Schnellbooten und Hubschrauber, die begleitende Protestierer auf Distanz halten.

"Profit nicht auf Kosten der Elbe", steht auf einem Transparent. "Keine Elbvertiefung", fordert ein Poster an einem Segelschiff. Das ändert alles nichts mehr daran, dass an diesem sehr warmen Nachmittag an Bord der MS Hammonia jetzt mehrhändig ein symbolischer Startknopf gedrückt wird.

Nebenan fängt daraufhin das grüne Baggerschiff Scheldt River aus Antwerpen auch offiziell damit an, die Elbe auszubuddeln. 17 Jahre lang war gestritten worden über diesen erneuten, den neunten Eingriff in den Strom, mit diversen Urteilen vor dem Leipziger Bundesverwaltungsgericht und bis hin zum Europäischen Gerichtshof. Immer wieder hatten Naturfreunde und Anwohner Klagen eingereicht, immer wieder mussten die Pläne nachgebessert werden.

Zum Symbol der Auseinandersetzung wurde eine geschützte und inzwischen umquartierte Pflanze namens Schierlings-Wasserfenchel. Vier Hamburger Bürgermeister waren mit dem Zwist befasst, von Ole van Beust (CDU) bis Peter Tschentscher (SPD), auch Vorgänger Olaf Scholz kostete das Thema Nerven. Die Betreiber sind überzeugt davon, dass Hamburg und die deutsche Wirtschaft diese sogenannte Fahrrinnenanpassung ganz dringend nötig haben. Grob gesagt geht es zum einen darum, dass der Elbgrund vom Hamburger Hafen bis zur Mündung in die Nordsee so abgetragen wird, dass unabhängig von der Tide auch Frachter mit einem Tiefgang von 13,50 Meter und bei Flut mit einem Tiefgang von bis zu 14,50 Meter die Terminals erreichen können. Außerdem soll die schiffbare Route erweitert und bei Wedel in Schleswig-Holstein so verbreitert werden, dass die Pötte aneinander vorbeikommen.

17 Monate Bauzeit sind vorgesehen, voraussichtliches Ende ist 2021. 40 Millionen Kubikmeter Sand und Schlick werden aus der Tiefe geschaufelt und verlegt. Fast 780 Millionen Euro soll die Operation kosten, es könnte sogar noch mehr werden. Ungefähr 490 Millionen Euro zahlt der Bund, den Rest Hamburg. Als beliebter Vergleich gilt die famose Elbphilharmonie, die mit gewisser Verspätung mittlerweile erfolgreich in Betrieb ist und ähnlich viel Geld verschlungen hat.

Doch nicht nur die Hansestadt brauche diesen Ausbau, berichtet der Bayer und Minister Scheuer, "sondern ganz Deutschland". Hamburg sei ja auch "der bayerische Hafen" und werde durch die Fahrrinnenanpassung "leistungsfähiger und zukunftsfähiger".

Die Reedereien in nah und fern wundern sich schon lange über die Verzögerung, die Elbvertiefung wurde zwischendurch zum running gag wie der Berliner Flughafen. "Ihr werdet es nicht glauben, wir baggern wirklich", habe er kürzlich bei einer Reise nach Asien verkündet, erzählt der Hamburger Wirtschaftssenator Michael Westhagemann.

Hamburg biete wieder Verlässlichkeit, sagt Gunther Bonz, Präsident der Hamburger Hafenunternehmer. Hinter Rotterdam und Antwerpen ist Hamburgs Containerhafen längst zurückgefallen, weitere Rivalen holen auf, aber Hamburg mit seinen Kränen praktisch mitten in der Stadt wirbt damit, die beste Anbindung zu haben, vor allem auf die Schiene.

Andere fragen sich wie gehabt, weshalb die Elbe immer weiter ausgegraben werden soll, um die dicksten Schiffe mehr oder weniger bis vors Rathaus einer Metropole mit Dieselfahrverboten schippern zu lassen. Obwohl in Wilhelmshaven im Nachbarbundesland Niedersachsen am Meer ein Hafen mit Tiefwasserzugang liegt.

Da müsse man sich "schon fragen, ob die Elbvertiefung noch zeitgemäß ist", warf gerade der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies von der SPD ein. Das sehen Naturschützer wie Manfred Braasch vom Umweltverband BUND ähnlich. Sie halten die Elbvertiefung für wirtschaftlich und ökologisch unsinnig und klagen weiter.

Das Bündnis Lebendige Tideelbe hofft auf das Bundesverwaltungsgericht. Aber in der Elbe wird jetzt wirklich gebaggert.

© SZ vom 24.07.2019/gal
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