El Salvador:Der Erfolg liegt im Netz

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Akkurat gestutzter Bart und zurückgegelte Haare sind Nayib Bukeles Markenzeichen. Auf seine Lederjacke aber verzichtete El Salvadors neuer Präsident bei seiner Vereidigung am Samstag. (Foto: Jose Cabezas/Reuters)

Mit nur 37 Jahren wird Nayib Bukele Präsident. Der Sohn einer palästinensisch­stämmigen Unternehmerfamilie weiß, wo er seine Wähler findet.

Von Christoph Gurk, München

Nayib Bukele war noch keinen Tag im Amt, da wurde er schon für eine "historische Tat" gefeiert. Bukele ist seit Samstag Präsident von El Salvador, und als erste offizielle Handlung ließ er den Namen eines Oberstleutnants von einer Kaserne entfernen. Dieser hatte 1981 das Massaker von El Mozote befohlen, eines der schlimmsten Menschenrechtsverbrechen der jüngeren lateinamerikanischen Geschichte. Die Opfer kämpfen seit Jahrzehnten für Gerechtigkeit, bislang vergeblich. Die Politik leugnete oder verharmloste das Morden, und das Militär ehrte die Verbrecher sogar noch. Doch damit ist nun Schluss: Nur ein paar Stunden nach seiner Vereidigung schrieb Bukele auf Twitter, er habe die Streitkräfte angewiesen, den Namen des Oberstleutnants sofort von der Kaserne zu entfernen. Internationale Beobachter sprachen von einer "historischen Tat", dazu bekam Bukele Tausende Retweets und Likes auf Twitter, für ihn nicht gerade unwichtig, sind die sozialen Netzwerke doch das Geheimnis seines Erfolgs - und gleichzeitig auch sein Gradmesser.

Mit gerade einmal 37 Jahren hat Nayib Bukele die Regierung eines der kompliziertesten Länder der Welt übernommen. Ein Drittel der Bevölkerung El Salvadors lebt in Armut, die Mordrate liegt über der vieler Kriegsgebiete. Schuld daran sind vor allem Jugendbanden, die teilweise ganze Kleinstädte kontrollieren. All das führt dazu, dass viele Salvadorianer keine Zukunft mehr in ihrem Land sehen, zwei Millionen leben heute in den USA. Will er sich mit dem mächtigen Nachbarn im Norden gut stellen, wird es eine der Hauptaufgaben Bukeles sein, diesen Exodus zu stoppen. Leicht wird das nicht, aber Bukele ist keiner, der Herausforderungen scheut. Der Spross einer palästinensischstämmigen Unternehmerfamilie hat ursprünglich in der Werbung gearbeitet, schon mit 30 wurde er Bürgermeister eines Vororts von San Salvador, drei Jahre später saß er im Rathaus der Hauptstadt selbst. Statt auf Polizeigewalt gegen die mächtigen Gangs zu setzen, steckte Bukele lieber Geld in neue Straßenlaternen und renovierte historische Gebäude. Die sozialen Probleme lösten sich dadurch natürlich nicht, aber Bukele hatte greifbare und konkrete Erfolge, die er seinen Followern in den sozialen Netzwerken präsentieren konnte.

Mit der gleichen Strategie hat Bukele es so nun zum Präsidenten geschafft. Statt im Wahlkampf von Marktplatz zu Marktplatz zu tingeln, versprach er auf Facebook, Instagram und Twitter, die Wirtschaft anzukurbeln und die Korruption zu bekämpfen. Wie genau er das machen will, das ist bis heute unklar. Den meisten Wählern aber war das egal, bei den Abstimmungen im Februar bekam Bukele mehr Stimmen, als die beiden alteingesessenen Parteien zusammen.

Dass Bukele offiziell ein Outsider in der politischen Elite des Landes ist, hat ihm zusätzlich genutzt. Die letzten drei Präsidenten El Salvadors sind wegen Korruption angeklagt. Und gerade haben sich die Erzfeinde der konservativen und der linken Partei zusammengeschlossen, um ein Amnestiegesetz für Verbrechen aus dem Bürgerkrieg durch den Kongress zu drücken. Viele Salvadorianer fühlen sich deshalb verraten. Als er den Namen des Oberstleutnants von der Kasernenmauer entfernen ließ, wusste Bukele also genau, dass er nicht nur die Aufarbeitung der Geschichte fördert - sondern auch sehr viele Likes im Netz erhalten würde.

© SZ vom 04.06.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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