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Massaker von El Paso und Dayton:Der Terror der anderen

People gather for a vigil a day after a mass shooting in El Paso

Bestürzt über den Massenmord in ihrer Stadt: Szene von einer Mahnwache in der texanischen Grenzstadt El Paso.

(Foto: CALLAGHAN O'HARE/REUTERS)
  • In den USA wächst nach den Attentaten von El Paso und Dayton die Angst, dass Extremisten sich bewaffnen und vermehrt um sich schießen.
  • Liberale wie Konservative machen sich gegenseitig für die Schießereien an dem Wochenende verantwortlich.

Amerika hat ein Waffenproblem. In keinem anderen westlichen Industrieland sterben so viele Menschen durch Schusswaffen wie in den USA, etwa 40 000 pro Jahr. Die meisten dieser Todesfälle sind Suizide, Massenschießereien wie die am Samstag in El Paso und Dayton, bei denen 32 Menschen - darunter einer der Schützen - getötet wurden, tragen, statistisch gesehen, nur einen kleinen Teil zur alljährlichen Verheerung bei. Und normalerweise nehmen die Amerikaner diese Vorfälle stoisch hin. Für die zwölf Menschen etwa, die ein Attentäter Ende Mai in Virginia Beach erschoss, interessierte sich das Land schon ein, zwei Tage danach nicht mehr.

Die Schießereien in El Paso und Dayton scheinen allerdings in eine andere Kategorie zu fallen. Zumindest werden sie in der amerikanischen Öffentlichkeit anders wahrgenommen. Das hat mit einem zweiten Problem zu tun, mit dem das Land seit einigen Jahren zunehmend kämpft: dem politischen Hass, der vor allem im Internet wütet, der die öffentliche Debatte vergiftet und die Gesellschaft tief spaltet. Die Befürchtung in den USA nach El Paso und Dayton ist, dass diese beiden Probleme sich zu vermengen beginnen - dass Extremisten voller Hass sich bewaffnen und losschießen.

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Für El Paso ist diese Diagnose wohl relativ gesichert. Kurz bevor der 21 Jahre alte Schütze am Samstag in einer Walmart-Filiale in der texanischen Grenzstadt um sich schoss und dabei 22 Menschen tötete, war im Internet ein Manifest veröffentlicht worden, in dem gegen Einwanderer aus Lateinamerika gehetzt, vor einer "hispanischen Invasion von Texas" gewarnt und ein Angriff angekündigt wurde. Zwar ist immer noch nicht eindeutig klar, ob der Attentäter das hasserfüllte Pamphlet selbst geschrieben hat. Aber Polizei und Weißes Haus gehen offenbar davon aus.

Zudem hat der Sheriff von El Paso, Richard Wiles, der den Attentäter befragt hat, in seinen Äußerungen keinen Zweifel daran gelassen, dass nach seinen Erkenntnissen hinter der Tat ein politisches, rassistisches Motiv steht. Der Angreifer habe Mexikaner töten wollen, sagte Wiles. Nach jetzigem Stand stufen die Ermittler den Angriff in El Paso daher nicht als einen Amoklauf eines psychisch gestörten Menschen ein, sondern als rechtsradikal motivierten Terroranschlag.

Sollten sich die ersten Erkenntnisse über den Täter und seine Motive so bestätigen, dann wäre der Angriff von El Paso die dritte große Gewalttat eines weißen Rechtsextremisten in den USA binnen eines Jahres. Im Herbst 2018 und im Frühjahr 2019 hatten rechtsradikale Angreifer Synagogen in Pennsylvania und Kalifornien attackiert - weil es, so ihre krude Rechtfertigung, ein jüdischer Plan sei, die Weißen in Amerika durch Einwanderer zu verdrängen.

Seine Opfer scheint der Dayton-Attentäter zufällig ausgesucht zu haben

Was Dayton angeht, ist die Motivlage weniger klar. Der 24 Jahre alte Angreifer feuerte in der Nacht zu Sonntag auf Kneipengänger und tötete neun Menschen, unter ihnen seine eigene Schwester. Der Amoklauf dauerte nur 30 Sekunden, dann wurde der Mann von der Polizei erschossen.

Nach allem, was man bisher über den Schützen von Dayton weiß, war er eher ein orientierungsloser junger Mann, der Probleme mit seinem Leben hatte, kein politischer Extremist. Zudem stand er, wenn man ihn ideologisch festlegen will, weit links. Das zumindest legt eine Analyse seiner Äußerungen bei Twitter nahe, wo er Sympathien für linksliberale Demokraten wie die Senatorin und Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren äußerte sowie für die linksradikale, gewaltbereite "Antifaschistische Aktion", kurz: Antifa. Ob und wie diese Ansichten zu seiner Gewalttat beigetragen haben, ist aber offen. Seine Opfer scheint der Dayton-Attentäter jedenfalls eher zufällig ausgesucht zu haben, nicht nach politischen Kriterien. Er verübte sein Attentat in der Nähe seines Wohnorts, in einem belebten Ausgehviertel, wo in der Nacht noch viele Menschen draußen unterwegs waren.

Darin unterscheidet sich der Schütze von Dayton deutlich von dem in El Paso. Dieser fuhr fast zehn Stunden zu der Walmart-Filiale in der Nähe der mexikanischen Grenze, weil er wusste, dass an einem Wochenende viele Mexikaner nach El Paso kommen, um dort einzukaufen. Der 21-Jährige suchte sich also gezielt Opfer und einen Anschlagsort aus, die zu seinem Rassenhass passten. Unter den Todesopfern sind daher auch mehrere mexikanische Staatsangehörige.

In der politischen Debatte spiegelt sich diese Gemengelage wider. Die Demokraten sehen in dem Anschlag in El Paso einen Beleg dafür, dass die harte, manchmal offen rassistische Rhetorik von Präsident Donald Trump gegen Immigranten und Minderheiten bittere Früchte trägt. Sowohl die Washington Post als auch die New York Times, die beiden führenden Zeitungen im linksliberalen Lager, druckten am Montag lange politische Analysen, in denen sie de facto Trump zum geistigen Anstifter des El-Paso-Anschlags erklärten. Ähnlich äußerten sich die meisten demokratischen Präsidentschaftsbewerber, allen voran der Texaner Beto O'Rourke, der aus El Paso stammt und am Sonntag einige der Verwundeten im Krankenhaus besuchte. Er machte Trump in Interviews direkt für das Attentat verantwortlich.

Das ist ein schwerer Vorwurf, der allerdings nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Trumps ständiges Gerede von einer "Invasion" Amerikas durch Migranten gleicht durchaus der Sprache der Attentäter.

Der Schütze von Dayton sei Sozialist gewesen, heißt es bei "Breitbart"

Im konservativen Medienlager befasst man sich deswegen lieber mit Dayton als mit El Paso. Die rechte Internetseite Breitbart informierte ihre Leser am Montagmorgen ausführlich über die linken Ansichten des Attentäters. Er sei ein Sozialist gewesen, habe Trump gehasst und einen Antifa-Aktivisten, der im Juli während eines Brandanschlags auf ein Büro der im linken Lager verhassten Grenzschutzbehörde ICE von der Polizei getötet worden sei, als "Märtyrer" bezeichnet. Erst am Ende des Artikels räumt Breitbart ein, dass bisher unklar ist, ob diese politischen Tweets etwas mit dem Anschlag zu tun haben.

Für die Amerikaner, die keine Zeit oder keine Gelegenheit hatten, sich mit allen Details dieses blutigen Wochenendes zu beschäftigen, bot sich am Montag daher das Bild eines Landes, das schon fast am Rand des Bürgerkriegs steht. Ein Rechtsextremer mordet in Texas, ein Linksextremer mordet in Ohio. Und beide politischen Lager zeigen mit dem Finger aufeinander und fordern sich gegenseitig auf, doch endlich die Gewalttaten der eigenen Anhänger glaubwürdig zu verurteilen.

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