"Eklatante Verbrauchertäuschung" Der VW-Skandal

Politiker und Anleger sind entsetzt über die Tricks, mit denen der Konzern Abgaswerte in den USA manipuliert hat. Der Börsenkurs bricht ein.

Von C. Busse, M. Bauchmüller und T. Fromm

Der Skandal um gefälschte Abgaswerte bei amerikanischen Dieselfahrzeugen hat große Empörung über den Volkswagen-Konzern ausgelöst. Investoren verkauften massenhaft VW-Aktien, das Papier fiel um zeitweise mehr als 20 Prozent. Der Börsenwert des Autoherstellers reduzierte sich um rund 14 Milliarden Euro. Konzernchef Martin Winterkorn, 68, steht massiv unter Druck. Ursprünglich sollte sein Vertrag als VW-Vorstandsvorsitzender an diesem Freitag formal um zwei Jahre verlängert werden. Nun ist nach SZ-Informationen fraglich, ob das so kommt. Zunächst soll geklärt werden, inwieweit Winterkorn in den Skandal verwickelt ist.

Volkswagen hatte Manipulationen an Abgasanlagen der Diesel-Fahrzeugen von VW und Audi in den USA eingeräumt. Die US-Umweltschutzbehörde Epa verdächtigt den Konzern, bei zahlreichen Diesel-Fahrzeugen Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen und damit gegen das Klimaschutzgesetz "Clean Air Act" verstoßen zu haben. Per Software wurde laut Epa anhand bestimmter Daten, etwa der Stellung des Lenkrads oder der Geschwindigkeit, ein Umwelttest erkannt. Die Autos schalteten dann automatisch in einen schadstoffarmen Modus. Außerhalb der Tests waren die Stickoxid-Emissionen um das zehn- bis 40-fache höher. Es geht um fast eine halbe Million Autos. VW droht eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar. Winterkorn sagte, er persönlich bedauere zutiefst, dass VW das Vertrauen von Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht habe und kündigte eine Untersuchung an.

Der Autokonzern gerät damit in eine tiefe Krise: Neben einem Imageverlust und hohen Strafzahlungen drohen Rückrufkosten sowie mögliche Schadenersatzansprüche. Die Rating-Agentur Fitch warnte, dass der Skandal den Ruf des Weltkonzerns vor allem in den USA gefährden könne. Der Autobauer Porsche, der zum VW-Konzern gehört, ist eigenen Angaben zufolge nicht im Visier der Ermittler. Auch Daimler und BMW teilten mit, sie seien von den Untersuchungen der US-Behörde nicht betroffen. Die Epa gab allerdings am Montagabend bekannt, nun auch Diesel-Fahrzeuge anderer Autobauer überprüfen zu wollen.

Die Bundesregierung forderte eine schnelle Aufklärung. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach von einem "schlimmen Vorfall". Man müsse sich um den exzellenten Ruf von VW und den Autoherstellern sorgen. "Wir stehen vor einem Fall von eklatanter Verbrauchertäuschung und Umweltschädigung", sagte Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) suchte das Gespräch mit Winterkorn. Dobrindt werde das Kraftfahrtbundesamt anweisen, alle VW-Dieselmodelle auf dem deutschen Markt zu überprüfen, teilte das Verkehrsministerium nach dem Gespräch mit. Winterkorn habe hierfür seine Unterstützung zugesagt. "Es muss selbstverständlicher Anspruch des VW-Konzerns sein, die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten", sagte Stephan Weil (SPD). Der Ministerpräsident von Niedersachsen sitzt im VW-Aufsichtsrat, das Land hält 20 Prozent der Aktien. Er gehe davon aus, dass der Skandal "schnell und gründlich" aufgeklärt werde. "Erst danach kann über mögliche Folgen entschieden werden", sagte er. Weil spielt damit offenbar auch auf die Zukunft von Winterkorn an der VW-Spitze an. Der Ingenieur, der den Konzern seit 2007 führt und auch fast alle technischen Details bei VW kennt, hatte sich erst im Frühjahr in einem Machtkampf gegen Patriarch Ferdinand Piëch durchgesetzt.