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Eklat beim Hessischen Kulturpreis:Der Schrecken Gottes

Eklat in Hessen: Die Landesregierung wollte den Dialog zwischen den Religionen fördern - und macht Zerwürfnisse sichtbar. Autor Kermani bleibt draußen.

Die Pressemitteilung der Landesregierung deutet auf viel, viel Anstrengung hin: "Niemals zuvor hatte das Kuratorium sich intensiver auf eine Auswahl von Preisträgern vorbereitet", lässt man in Hessen über die Vergabe des eigenen Hessischen Kulturpreises verlauten.

Navid Kermani sollte den Hessischen Kulturpreis bekommen - anstelle von Fuat Sezgin, der nicht zusammen mit dem jüdischen Vertreter Salomon Korn ausgezeichnet werden wollte. Allerdings hatten die christlichen Vertreter nichts für Kermani übrig.

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Das klingt nach Selbstrechtfertigung - was verständlich ist. Längst wurde aus der Vergabe des mit 45.000 Euro dotierten Preises ein Politikum.

Dabei war die Idee der Hessen so schön, so einleuchtend gewesen: den interreligiösen Dialog wollte man in diesem Jahr fördern. Und so entschied sich das Kuratorium mit Ministerpräsident Roland Koch (CDU) an der Spitze, Vertreter von drei Religionen zu ehren.

Für das Christentum wurden der langjährige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, sowie der katholische Mainzer Kardinal Karl Lehmann ausgewählt. Vom Zentralrat der Juden soll Vizepräsident Salomon Korn der Preis in Empfang nehmen. Und die Muslime sollten ursprünglich von Fuat Sezgin, einem emeritierten Frankfurter Professor für die Geschichte der Naturwissenschaften, vertreten werden.

Doch dann beginnt das Dilemma: Sezgin nimmt sich ein paar Wochen Bedenkzeit - und lehnt dann, wie die hessisches Staatsregierung erklärt, "zur Überraschung der Jury", den Preis einfach ab. Wochenlang hatte er sich nicht gemeldet.

Sezgins Begründung ist politischer Natur: Der jüdische Mit-Preisträger Salomon Korn habe den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern "öffentlich so kommentiert", dass es ihm, Sezgin, bei seiner "politischen Überzeugung und seinem kulturellen Verständnis" unmöglich sei, den Preis anzunehmen.

Heute will sich der Wissenschaftler zu dieser Aussage nicht mehr äußern.

Die Jury war beseelt vom durchaus sinnvollen Gedanken, Muslime ausgerechnet bei einer Auszeichnung zum interreligiösen Dialog nicht außen vor zu lassen. Sie suchte nach Sezgins Absage weiter. Und fand: Navid Kermani.

Der deutsch-iranische Intellektuelle ist Autor mehrerer Bücher. Kermani ist nicht gerade für unkritischen Umgang mit Religionen bekannt. Eines seiner Bücher heißt "Der Schrecken Gottes - Attar, Hiob und die metaphysische Revolte". In einem Text für die Neuen Züricher Zeitung (NZZ) schrieb er bereits am 9. Mai, "die katholische Vorstellungswelt erscheint mir heidnisch". Und schon im Februar veröffentlichte Kermani einen Text in der Süddeutschen Zeitung, in der er seine "Erfahrungen im katholischen Rom" als Muslim aufschreibt. Dennoch erklärten sich neben dem Juden Korn auch die Christen Lehmann und Steinacker mit der Wahl der Jury einverstanden.

Der Preisvergabe schien nichts mehr im Wege zu stehen, als Kermani am 14. März einen Text in der NZZ veröffentlicht, in dem er seine "negative Einstellung" gegenüber der "Kreuzestheologie" formuliert: "Gotteslästerung und Idolatrie."

Plötzlich lehnen die beiden Christen unter den vorgesehenen Preisträgern den Preis ab - "wegen der so fundamentalen und unversöhnlichen Angriffe auf das Kreuz", wie es in der Pressemitteilung der hessischen Staatsregierung heißt.

Die Jury des Staatspreises war also vor die Wahl gestellt: Entweder zwei christliche Vertreter oder Navid Kermani als Muslim nicht auszeichnen zu können. Etwas umständlich gab man in Hessen daraufhin zu Protokoll, die Rücknahme des Preises für Steinacker und Lehmann sei "unangemessen, ja unvertretbar". Was bedeutet: Korn, Steinacker und Lehman bekommen der Preis. Sezgin will ihn aus politischen Gründen nicht, Kermani bekommt ihn wegen theologisch begründeter Kritik der christlichen Vertreter nicht.

Man kommt nicht umhin, der Jury des Preises recht zu geben, wenn sie bilanziert: "Wir betrachten das Projekt als vorläufig gescheitert." Das Drama sei ein "Spiegel der Gesellschaft", sagt der hessische Staatssekretär und Pressesprecher Dirk Metz.

Das wiederum möchte man nicht hoffen.

© sueddeutsche.de/jja
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