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Evangelische Kirche:Studentin aus Bayern führt EKD-Synode

Anna-Nicole Heinrich hat in Regensburg Philosophie studiert.

(Foto: Jens Schulze/EKD)

Überraschend hat das evangelische Kirchenparlament die 25-jährige Anna-Nicole Heinrich gewählt. Die jüngste Präses der Geschichte hat große Aufgaben vor sich.

Von Annette Zoch

"Mein Handy explodiert gleich! Leute, danke für alle Unterstützung in den letzten Tagen!", twittert Anna-Nicole Heinrich. Die 25-jährige Studentin aus Regensburg ist die Vorsitzende der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, und damit die jüngste Präses in der Geschichte der EKD. Sie setzte sich am Samstag mit 75 von 126 abgegebenen Stimmen gegen die Marburger Grünen-Politikerin und Richterin Nadine Bernshausen durch - und führt damit künftig das evangelische Kirchenparlament. Als Synodenpräses hat Heinrich automatisch auch einen Sitz im Rat der EKD, dessen Vorsitzender der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ist.

Der wirkt Minuten nach der Wahl, eigentlich will er jetzt seinen Ratsbericht vorstellen, selbst vollkommen überrascht und beinahe ein wenig aus der Fassung: "Ja, da will ich jetzt von Herzen gratulieren", sagt Bedford-Strohm, strahlt und tritt von einem Bein aufs andere. "Das ist ein ganz starkes Zeichen für unsere Kirche und zeigt die Bedeutung, die junge Menschen für die Gestaltung der Zukunft haben." Ein historisches Ergebnis sei das. Anna-Nicole Heinrich ist erst seit dieser Synode regulär stimmberechtigtes Mitglied - in der vorherigen 12. Synode war sie noch Jugenddelegierte und konnte nicht mitentscheiden.

In ihrer kurzen Vorstellungsrede vor den Synodalen hatte Heinrich für eine "optimistische Perspektive hinaus in die Weite" geworben, wenngleich sie "von Sparmaßnahmen, Rückbau und Umbau" begleitet sein werde. "Als Präses möchte ich für eine hoffnungsvolle, integrierende und pragmatische Kirche stehen", sagte sie. Die Synoden-Präses repräsentiert neben dem Ratsvorsitzenden die Evangelische Kirche in Deutschland entscheidend nach außen. Meist standen deshalb politische Schwergewichte an der Spitze der EKD-Synode: zuletzt die Bundesministerin a.D. und FDP-Politikerin Irmgard Schwaetzer, vor ihr die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt.

"Ned getauft? Des gibt's ned"

"Verdammt mutig" sei ihre Kirche, eine so junge Frau an ihre Spitze zu wählen, sagt Anna-Nicole Heinrich nach ihrer Wahl. Tatsächlich warten schwierige Zeiten auf sie: Die Kirche kämpft mit Mitgliederschwund, gesellschaftlichem Relevanzverlust und Finanzproblemen. "Ich schaue demütig auf die Aufgaben, die vor mir liegen", sagt Heinrich. Das dauerbrummende Handy hat sie kurz vor die Tür ihrer Studenten-WG gelegt, "ich hoffe, es ist nachher noch da". Ihre Familie sei gar nicht eingeweiht gewesen in ihre Kandidatur, aber auch die habe zwischenzeitlich gratuliert - auch wenn sie gar nicht christlich sei und nicht so genau wisse, "wo ich da immer rumspringe".

Heinrich, die Philosophie studiert hat, derzeit einen Master macht in "Digital Humanities" und - ganz ökumenisch - auf einer halben Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Katholische Theologie der Uni Regensburg arbeitet, hat sich erst als Schülerin evangelisch taufen lassen. Sie ist konfessionslos aufgewachsen, stammt aus Thüringen. Für einen Job bei einer Spedition zog ihr Vater, ein Lkw-Fahrer, mit seiner Familie ins oberpfälzische Nittenau. Die Schulsekretärin war bei der Schuleinschreibung fassungslos: "Ned getauft? Des gibt's ned", sagte sie und steckte Heinrich in den evangelischen Religionsunterricht. "Tolle Menschen" aus der örtlichen evangelischen Gemeinde hätten dafür gesorgt, dass sie das Gemeindeleben kennenlernte und sie zum Sonntagsgottesdienst mitgenommen, "damit ich nicht immer mit dem Skateboard durch die Stadt fahren muss".

Mittlerweile ist Heinrich, was evangelische Gremienarbeit angeht, durchaus geübt. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der evangelischen Jugend in Deutschland. Der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm kennt sie schon aus dem sogenannten Z-Team - dem Zukunftsteam, das im vergangenen Jahr die nicht unumstrittenen "Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche" entwickelt hat. Heinrich wurde als eins von drei Mitgliedern nachberufen - weil das Zukunfts-Gremium bei seiner ersten Sitzung feststellte, dass das jüngste Mitglied schon 47 Jahre alt ist. Heinrich hatte zuvor den ersten evangelischen "Hackathon" #glaubengemeinsam mitinitiiert, auf dem Ideen für eine digitale Kirche entwickelt wurden.

"Junge Leute, die machen einfach", lobt Bedford-Strohm nach der Wahl. "Die riskieren was, und wenn's schiefgeht, dann geht's halt schief, und dann probiert man was Neues." Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, gratulierte Anna-Nicole Heinrich: "Ich bin beeindruckt, dass Sie mit so jungen Jahren eine solch wichtige Verantwortung in der evangelischen Kirche übernehmen. Das halte ich für ein gutes Zeichen, wird es doch vielen jungen Menschen Mut und Ansporn sein, sich in der Kirche zu engagieren."

Heinrich Bedford-Strohm sagte, es erfülle ihn mit Stolz, dass sich die EKD nicht nur mit Worten zu Aufbruch und Zukunft bekenne, sondern auch mit Taten. Im November scheidet Bedford-Strohm als Ratsvorsitzender aus: "Das gibt dann sechs Monate lang Heinrich und Heinrich."

© SZ/cvei/mala
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