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Einwanderung:Kümmern um die Neuen

Personalkarussell à la Merkel

Annette Widmann-Mauz, 52, ist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Kanzleramt. Die CDU-Politikerin trat das Amt im vergangenen März an.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Berlin feiert das Amt der Integrations­beauftragten. "Wir haben lange gebraucht, um anzuerkennen, dass wir ein Einwanderungsland sind", sagte Angela Merkel.

Esra Küçük ist die Tochter türkischer Gastarbeiter. Sie wuchs in Fischbek auf, das nicht zu den besten Hamburger Stadtteilen zählt. In der Grundschule schrieb sie viele Einsen, trotzdem wollte die Rektorin sie nicht für das Gymnasium empfehlen. Später studierte Küçük unter anderem in Stanford, einer der besten Universitäten der Welt. Heute leitet sie die angesehene Allianz-Kulturstiftung. Ist Küçük das, was man gerne als Musterbeispiel für gelungene Integration bezeichnet?

Eher nein, findet Esra Küçük: "Es wird so dargestellt, als wäre es eine einzigartige Erfolgsgeschichte." Das stimme nicht, Biografien wie ihre seien die Regel, nicht die Ausnahme. Küçük erzählte das, als sie am Mittwoch im Berliner Haus der Kulturen der Welt auf der Bühne stand. Dort wurde gefeiert, dass Deutschland seit 40 Jahren einen Integrationsbeauftragten hat. Und man hat Bilanz gezogen. Zumindest bei Küçük fällt sie nicht schlecht aus: Um die Integration sei es "viel besser bestellt" als oft behauptet werde. Sie läuft auch schon deutlich länger als seit 40 Jahren.

Die ersten Gastarbeiter kamen 1955, gezielt angeworben aus Italien. "Ohne sie hätte es das Wirtschaftswunder nicht gegeben", sagte Annette Widmann-Mauz, die Integrationsbeauftragte. Erst 1978 wurde das Amt geschaffen, das sich um die Integration der Neuen kümmern sollte. Es fristete ein Nischendasein. Der erste Amtsinhaber Heinz Kühn (SPD) hatte zwei Mitarbeiter. Erst die Bundeskanzlerin Angela Merkel wertete den Integrationsbeauftragten auf, indem sie 2005 das Amt ins Kanzleramt integrierte. Es bekam mehr Einfluss und mehr Personal. Widmann-Mauz verfügt über mehr als 70 Mitarbeiter.

"Wir haben lange gebraucht, um anzuerkennen, dass wir ein Einwanderungsland sind", sagte Merkel in ihrer Festrede. Die Kanzlerin war ehrlich genug, um anzuerkennen, dass ihre Partei dafür besonders lange gebraucht habe. Und noch immer täten sich viele schwer damit, "gesellschaftliche Vielfalt als Stärke anzuerkennen". Aber diese Stärke brauche es. "Die wirtschaftliche Prosperität hängt für Deutschland auch mit ausländischen Fachkräften zusammen." Und ja, Deutschland sei weltoffener geworden. Aber es gebe noch immer Unterschiede in den Bildungsabschlüssen. Noch immer würden Namen bei Bewerbungen eine Rolle spielen.

Solch ein Festakt ist immer auch ein Balanceakt. Einerseits müssen die vorhandenen Erfolge entsprechend gewürdigt werden. Deshalb traten nach der Kanzlerin Menschen wie Esra Küçük auf die Bühne, die den Erfolgen ein Gesicht geben. Andererseits soll nicht der Eindruck entstehen, dass der Prozess bereits abgeschlossen sei. Zu offensichtlich sind die Probleme in Zeiten, in denen eine Partei im Parlament sitzt, die offen gegen Migranten Stimmung macht, und in denen ein Innenminister Migration als die "Mutter aller Probleme" identifiziert hat.

"Einwanderung hat immer auch Reibung erzeugt", sagte Widmann-Mauz. Übrigens nicht erst seit vor drei Jahren deutlich mehr Migranten ins Land kamen. Doch bei allen Schwierigkeiten: Es lohne sich weiterzuarbeiten an dieser "Erfolgsgeschichte".