Einsatz in Syrien:Aufklärungsstunde in Moskau

Einsatz in Syrien: Luftbilder zeigen russische Panzer auf einer Militärbasis in Syrien.

Luftbilder zeigen russische Panzer auf einer Militärbasis in Syrien.

(Foto: GeoNorth/AP)
  • Israel fürchtet, dass Russlands Engagement in erster Linie den syrischen Diktator Baschar al-Assad stärken soll.
  • Assad könnte dadurch leichter Waffen an seine Verbündeten von der libanesischen Hisbollah weiterleiten, die dann irgendwann gegen Israel zum Einsatz kämen.
  • In Russland selbst mehrten sich die Anzeichen, dass die Vorbereitungen für einen Kampfeinsatz in Syrien im vollen Gange sind.

Von Julian Hans, Moskau, und Peter Münch, Tel Aviv

Russlands verstärkte Militärpräsenz in Syrien versetzt die Welt in Sorge - und Israel in Alarmstimmung. Mit reichlich Geheimdienst-Material im Gepäck ist der Jerusalemer Regierungschef Benjamin Netanjahu deshalb am Montag zu einem Blitzbesuch nach Moskau geflogen. Israel fürchtet, dass Russlands Engagement nicht wie vorgegeben dem Kampf gegen den Islamischen Staat dienen, sondern in erster Linie den syrischen Diktator Baschar al-Assad stärken soll.

Mit russischer Hilfe könnte Assad künftig umso leichter Waffen an seine Verbündeten von der libanesischen Hisbollah weiterleiten, die dann irgendwann gegen Israel zum Einsatz kämen. Aus erster Hand wollte Netanjahu deshalb von Kremlchef Wladimir Putin erfahren, was Russlands Pläne in Syrien sind und was es mit den russischen Kampfjets auf sich hat, die nun auf dem Militärflughafen im syrischen Latakia gesichtet wurden.

Die amerikanische CIA und der russische Geheimdienst sollen sich bereits abgestimmt haben

Gleich zu Beginn des Treffens äußerte Netanjahu die Sorge, Iran könne mit Hilfe aus Damaskus eine "zweite Front" auf den Golanhöhen eröffnen. Putin bemühte sich, zu beruhigen: Die syrische Armee sei derzeit gar nicht in der Lage, eine zweite Front gegen Israel zu eröffnen, "sie wollen ihren eigenen Staat retten".

Berichte aus unterschiedlichen Quellen deuten darauf hin, dass der russische Truppenaufbau in Syrien bereits im vollen Gange ist. Ein Vertreter der US-Regierung berichtete am Wochenende, im westsyrischen Latakia, wo derzeit ein russischer Luftwaffenstützpunkt entsteht, seien nach Panzern und Artillerie auch vier russische Kampfflugzeuge eingetroffen. Zuvor hatte US-Verteidigungsminister Ashton Carter mit seinem russischen Kollegen Sergej Schojgu telefoniert. Es war der erste direkte Kontakt zwischen ihnen seit Carters Amtsantritt im Februar.

Nach Information der Bild am Sonntag ist die Kooperation zwischen Russland und den USA beim Kampf gegen den IS weiter fortgeschritten als bekannt. Wie das Blatt unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise berichtet, trafen sich führende Delegationen der CIA und des russischen Geheimdienstes bereits in der vergangenen Woche in Moskau, um die Zusammenarbeit abzustimmen. Demnach wollen die USA künftig russische Militäraktionen gegen den IS mit ihren Spionage-Erkenntnissen unterstützen.

Auch in Russland selbst mehrten sich die Anzeichen, dass die Vorbereitungen für einen Kampfeinsatz in Syrien im vollen Gange sind. Wobei die Armeeführung die Soldaten offenbar bis zuletzt im Unklaren darüber lässt, wohin die Reise geht. Am Freitag veröffentlichte das Nachrichten-Portal Gazeta.ru einen Bericht über vier Zeitsoldaten, die vom Schwarzmeerhafen Noworossijsk aus mit dem Schiff nach Syrien gebracht werden sollten. "Wir dachten, es geht in den Donbass, aber dann stellte sich heraus, dass Syrien das Ziel ist", sagte einer der Männer, den Gazeta.ru als Alexej N. vorstellt.

Der Kreml dementierte nur halbherzig. Ihm sei nichts davon bekannt, dass russische Soldaten nach Syrien geschickt würden, sagte Putins Sprecher Dmitrij Peskow. Gleichzeitig schloss er einen Einsatz nicht aus: "Wenn eine Anfrage kommt, dann wird sie selbstverständlich im Rahmen der beiderseitigen Abkommen entschieden". Es sei schwierig, jetzt "hypothetisch" darüber zu sprechen. Kurz zuvor hatte Syriens Außenminister Walid al-Muallim im staatlichen Fernsehen angekündigt, Damaskus werde "Russland darum bitten, seine Truppen aufseiten der syrischen Armee zu kämpfen, wenn das erforderlich ist".

Israel kann diese Entwicklung direkt an seiner Nordgrenze nicht kalt lassen, und Aufschluss über den Grad der Besorgnis gibt allein die Zusammenstellung der Reisedelegation für den Moskau-Trip: Netanjahu wird, was höchst ungewöhnlich ist, von seinem Generalstabschef Gadi Eizenkot sowie vom Chef des Militärgeheimdienstes Hertzi Halevy begleitet. Als Ziel der Gespräche hinter verschlossenen Türen wurde die "strategische Koordinierung" genannt.

Israel will vermeiden, dass bei Angriffen in Syrien auch russische Truppen getroffen werden

Weil sich auch in Israel niemand einbilden kann, Moskau von der Durchsetzung seiner Ziele und Interessen im Nahen Osten abhalten zu können, kann dies im Klartext nur bedeuten, dass ein Modus vivendi gesucht wurde, mit Russlands Militärpräsenz direkt an Israels Nordgrenze umzugehen. Es müsse "alles dafür getan werden, damit es zu keinen Missverständnissen zwischen Ihren und unseren Kräften kommt", sagte Netanjahu dem russischen Präsidenten.

In den vergangenen Jahren hat sich Israel immer wieder das Recht genommen, Luftangriffe auf syrischem Gebiet zu fliegen, um vermeintliche Waffenkonvois der Hisbollah zu zerstören. Dabei könnte es jedoch künftig zu einer Konfrontation mit den russischen Kampfjets kommen. Obendrein verweisen israelische Sicherheitsexperten in den Medien auf das Horrorszenario, dass bei Attacken auf solche Waffenkonvois versehentlich auch russische Bodentruppen bombardiert werden könnten. Dies zu verhindern, ohne Israels Handlungsspielraum einzuengen, dürfte also im Zentrum der angestrebten "strategischen Koordination" stehen.

Netanjahu war stets darauf bedacht, ein positives Verhältnis zu Putin zu pflegen - der russischen Unterstützung für Iran und Syrien zum Trotz. Mit der Visite in Moskau hat er das nun unterstrichen und nebenbei nach all dem Streit über das Atom-Abkommen mit Teheran noch ein Signal an US-Präsident Barack Obama ausgesandt. Wenn es um die Sicherheit geht, will sich Israel nicht mehr allein auf die USA verlassen. Wichtige Fragen bespricht Netanjahu jetzt auch direkt mit Putin.

© SZ vom 22.09.2015/anri
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