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Einsatz in Afghanistan:Tod am schwarzen Karfreitag

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Drei Bundeswehrsoldaten starben beim Karfreitagsgefecht in Kundus. Sie wurden über Usbekistan nach Deutschland ausgeflogen.

(Foto: Steffen Kugler/AFP)

Vor zehn Jahren sterben drei deutsche Soldaten im Gefecht mit den Taliban - für die Bundeswehr ist das bis heute eine Mahnung. Mittlerweile gibt es einen Friedensprozess, doch die Mission bleibt gefährlich.

Wie eng Leben und Tod beieinanderliegen, das zeigt sich beim Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan mittlerweile im Alltag. Ein Besuch im Außenposten Maimana im Sommer 2019. Am Fuße eines Wachturms trainieren deutsche Soldaten mit Hanteln ihre Körper. Ein paar Meter weiter nur, hinter Stacheldraht und auf dem Gelände der afghanischen Streitkräfte, steht der Leichencontainer für jene Soldaten, die die Gefechte in der Nacht gegen die Taliban nicht überlebt haben. Wer die Bundeswehrsoldaten darauf anspricht, erlebt Frauen und Männer, die sich völlig darüber im Klaren sind, dass da draußen ein Krieg stattfindet, der seine Opfer fordert.

In Afghanistan ist die Bundeswehr vor zehn Jahren auf erschütternde Weise mit dieser Einsatzrealität konfrontiert worden. Es war das Karfreitagsgefecht vom 2. April 2010, das die Bundeswehr verändern sollte. Drei deutsche Soldaten, Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Augustyniak, starben an diesem Tag. Acht weitere Männer wurden verwundet. Mehr als acht Stunden lang lieferten sich in Nordafghanistan an diesem Karfreitag Fallschirmjäger aus dem niedersächsischen Seedorf ein Gefecht mit Kämpfern der Taliban. Sie waren in einen Hinterhalt geraten.

59 Truppenangehörige kostete der Einsatz in Afghanistan bisher das Leben

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg waren deutsche Soldaten an Kampfhandlungen solcher Intensität beteiligt. Zwei Wochen später, am 15. April, kamen vier Soldaten ums Leben, im Oktober starb ein weiterer. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erwies das erste Mal in ihrer Amtszeit in Afghanistan gefallenen Soldaten die letzte Ehre. In einer Rede bei der Trauerfeier sprach sie den Angehörigen ihr "tief empfundenes Mitgefühl" aus und rechtfertigte die deutsche Beteiligung am Isaf-Einsatz in Afghanistan. Es war die Zeit, in der sich auch die deutsche Gesellschaft mit der Frage auseinandersetzen musste, welchen Preis es tatsächlich hatte, dass Deutschlands Sicherheit nun auch am Hindukusch verteidigt wird. So hatte es der frühere Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) formuliert. In den Anfangsjahren waren die Soldaten für diese Mission schlecht ausgerüstet, aber auch noch 2010 fehlte es ihnen laut Bericht des Wehrbeauftragten des Bundestages an gepanzerten Fahrzeugen in ausreichender Stückzahl und auch an schweren Waffen zur Verteidigung. Ihnen war zudem Zurückhaltung im Kampf auferlegt worden. Das zeigte schon, wie wenig die Soldaten auf die sich verschlechternde Sicherheitslage in Afghanistan eingestellt waren. Eilig wurde im Laufe des Jahres 2010 aufgerüstet - der "schwarze Karfreitag" und die vielen Gefechte, die folgten, hatten gezeigt: Deutsche Soldaten waren längst mittendrin in der Kampfzone.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat ihren Tagesbefehl vom 2. August dem Karfreitagsgefecht gewidmet: "Es waren nicht die ersten Gefechte der Bundeswehr in Afghanistan und nicht die letzten. Aber mit den Ereignissen dieses Tages wurde für viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland erstmals sichtbar, dass die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr im Gefecht auch töten müssen und sterben können."

Es war gegen 13 Uhr am 2. April 2010, als die deutschen Soldaten unter Beschuss gerieten. Im Norden Afghanistans betrieb die Bundeswehr ein Wiederaufbauteam für die Provinz Kundus. Die Soldaten waren damals regelmäßig außerhalb des Feldlagers im Einsatz. An diesem Tag hatten sie den Auftrag, entlang der Straße nach Isa Kehl, einem Dorf, Sprengfallen aufzuspüren und zu räumen. Auch eine Drohne kam an diesem Tag zum Einsatz. Nur hatte der Wind sie abgetrieben. Sie war in einen Weizenfeld abgestützt und vier Soldaten eines Spähtrupps machten sich auf die Suche nach dem Gerät. Dann fielen Schüsse. Etwa 80 Aufständische griffen aus dem Hinterhalt an. Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr hat den Ablauf rekonstruiert. Die Angreifer "tauchten auf, schossen und verschwanden wieder", heißt es in einem Sonderdruck. Einer der Soldaten schilderte die Lage so: "Auf einmal ging's richtig los. Uns flogen die Kugeln nur so um die Ohren." Der Führer des Spähtrupps wurde dreimal am Bein getroffen und schwer verletzt. Die Angreifer waren teilweise bis auf 20 Meter herangerückt. Verstärkung auch aus dem Feldlager setzte sich in Bewegung. Ein Soldat wurde in der Brust getroffen und starb. Die Amerikaner halfen mit ihren Black-Hawk-Hubschraubern, um die Deutschen dort herauszuholen. Um 14.50 Uhr fuhr ein gepanzertes Transporter auf eine Sprengfalle. Soldaten, die am Fahrzeug standen, wurden verletzt, zwei starben. Erst gegen Mitternacht erreichen die letzten Soldaten das sichere Feldlager.

Bei der Trauerfeier für die Gefallenen räumte die Kanzlerin damals ein, dass der Einsatz "schwieriger ist, als wir gedacht haben". Aber sie verteidigte die Mission. Und sie sagte, die Bundeswehr werde "keinen Tag länger als notwendig" in Afghanistan bleiben. Das war vor zehn Jahren. Mehr als 90 000 deutsche Soldaten waren bis heute im Afghanistan-Einsatz. 59 starben. Befriedet ist das Land immer noch nicht, aber es gibt einen Friedensprozess. Die Amerikaner haben angefangen, Soldaten abzuziehen. Das ist Teil der Vereinbarung. Auch die Bundeswehr hat begonnen, ihre Truppen zu reduzieren.

© SZ vom 03.04.2020

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