Einsamkeit sei keine Krankheit, aber ein Hinweis darauf, dass ein junger Mensch gefährdet ist. So drückt es Marcel Romanos aus, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg und stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Studien zeigen, dass Menschen, die sich selbst als einsam beschreiben, eine höhere Rate an psychischen Erkrankungen haben“, sagt Romanos. Einsamkeit sei eine Art Frühwarner. Untersuchungen dazu mehren sich. Vor allem zur Anzahl junger Menschen, die sich einsam fühlen – trotz des heutigen Zeitalters der digitalen Vernetztheit.
„Generation einsam?“, lautet der Titel einer neuen Studie der Vodafone-Stiftung, für die mehr als tausend 14- bis 20-Jährige über Einsamkeit, Social Media und ihre Bewältigungsstrategien befragt wurden. Das Ergebnis ist nicht überraschend, es passt zu früheren Erkenntnissen: 45 Prozent der jungen Menschen in Deutschland fühlen sich häufig oder gelegentlich einsam. Das sind viele, hochgerechnet etwa 2,5 Millionen. Interessant wird es dort, wo es darum geht, etwas gegen diese Einsamkeit zu tun. Denn hier lässt die Schule, jenes soziale Gefüge, in dem junge Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen, die Schülerinnen und Schüler größtenteils im Stich.
Nur sechs Prozent würden sich bei Problemen an ihre Lehrer wenden
Auf die Frage, an wen sie sich wenden würden, wenn sie sich einsam fühlen, geben nur sechs Prozent an, dass sie sich Lehrkräften, Ausbildern oder Schulsozialarbeitern anvertrauen würden. Vorher kommen Freunde, Eltern, Großeltern, Sportvereine, das eigene Tagebuch oder auch Online-Gruppen. Gleichzeitig fänden es aber 84 Prozent der jungen Menschen wichtig oder sehr wichtig, dass die Schule ihnen bei Einsamkeit Hilfe anbietet.
Der Sozialraum Schule bleibt damit weit hinter den Bedürfnissen zurück, die Schülerinnen und Schüler haben. Er ist ganz offensichtlich keine Ressource, bei der betroffene Jugendliche Hilfe finden. Im Gegenteil: Die Schule wird von jungen Menschen als der größte Belastungsfaktor in ihrem Leben wahrgenommen. 72 Prozent der Befragten geben an, dass sie stark oder sehr stark unter Schulstress und Leistungsdruck leiden.
Die Diskrepanz zwischen dem, was Schülerinnen und Schüler bräuchten und dem, was die Schule für sie bedeutet, ist somit groß. Die Frage, ob die Schule ein Risikofaktor oder eine Ressource für junge Menschen ist, lasse sich dennoch nicht pauschal beantworten, sagt Kinderpsychiater Marcel Romanos. „Leistungsdruck kann krank machen“, so Romanos, aber wenn der Klassenverband stabil sei und Schule als Sozialraum funktioniere, könne dies jungen Menschen im Ausgleich auch Kraft und Stabilität geben. Eben das erscheint allerdings in vielen Fällen nicht gegeben.
Der Leistungsdruck verstärkt sich durch Social Media, sagt der Kinderpsychiater
Romanos sieht insbesondere den Einfluss der sozialen Medien in diesem Zusammenhang kritisch. Der Leistungsdruck, so beobachtet er es bei vielen jungen Menschen, verstärke sich in Klassenchats und auf Social Media. Das ständige Vergleichen reiße Kinder heutzutage viel früher aus einer gewissen Unbedarftheit. Große internationale Studien zeigten, dass die steigende psychische Belastung junger Menschen nicht nur damit zu erklären sei, weil mehr dazu geforscht werde. Es liege auch nicht allein an den Folgen der Corona-Pandemie. „Wir sehen, dass zwar die Rate an Depressionen mittlerweile auf das Niveau vor der Pandemie zurückgegangen ist, aber der Anstieg an Ängsten ist nicht wieder abgeflacht“, sagt Romanos.
Diese negativen Einflüsse auf das eigene psychische Wohlbefinden können durch soziale Medien verstärkt werden. Das belegt auch die neue Studie: Demnach nutzen junge Menschen, die sich einsam fühlen, soziale Medien deutlich häufiger, um ihre Einsamkeit zu bekämpfen. Viele finden dort aber nicht die Nähe und den Austausch, die sie aus ihrer Isolation herausholen würden.
Wenn Eltern vermuten, dass ihr Kind unter Einsamkeit leidet, sollten sie versuchen, das Thema offen anzusprechen, sagt Susanne Bücker, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Witten/Herdecke, die zu Einsamkeit forscht. Die Abnabelung von den Eltern sei in der Jugend zentral, besorgniserregend werde es dann, wenn Eltern beobachten, dass ihr Kind auch mit Gleichaltrigen nichts mehr unternehmen möchte. Gelegentliche Einsamkeit sei hingegen nicht dramatisch, sondern eine sehr normale Erfahrung. Auch Bücker beurteilt das soziale Gefüge in der Schule als ausschlaggebend: Wenn im Klassenverband der Zusammenhalt fehle, werde Schule für junge Menschen zu einem „risikobehafteten Raum“.

