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Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn 1944:Persilschein für ein ganzes Volk?

Der renommierte ungarische Historiker Krisztián Ungváry findet, die Inszenierung des Holocaust-Gedenkjahres sowie das Denkmal hätten genauso wenig eine Berechtigung wie etwa die Aussage, Österreich sei "das erste Opfer" von NS-Deutschland gewesen. Beides sei Geschichtsklitterung. Da werde einem ganzen Volk der Persilschein ausgestellt, indem man sich beim Gedenken auf die wenigen konzentriere, die Juden gerettet hätten - und sich nicht zur Verantwortung jener vielen bekenne, die beim Morden mitgemacht hätten.

Tatsächlich ist im durchaus ambitionierten Regierungskonzept, das mit vielen Millionen Forint Erinnerungsprojekte im Holocaust-Gedenkjahr unterstützt, vor allem von einer menschlichen Tragödie, vom Wert des Lebens und der Verantwortung für jeden ungarischen Bürger, gleich welcher Religion oder Herkunft, die Rede. Und Außenminister János Martony nennt den Holocaust das größte Trauma der Nation.

Judit Vince, Tochter des einstigen Budapester Oberrabbiners Jószef Schweitzer, empört sich gerade deshalb darüber, die Regierung Orbán wolle "Geschichte umschreiben" - und alle Verantwortung für die Vernichtung der ungarischen Juden den Nazis zuweisen. Die Deutschen seien damals fast wie "Kameraden" begrüßt worden.

Kritiker werfen Orbán vor, eine Show für den Westen zu machen

Der Philosoph und Journalist Attila Ara-Kóvacs bläst ins gleiche Horn, wenn er darauf verweist, dass das geplante Monument in Sichtweite zu einem Denkmal für die Befreiung Budapests durch sowjetische Soldaten geplant sei. Damit wolle man zeigen, dass das kleine, ohnmächtige Ungarn gefangen gewesen sei zwischen "zwei barbarischen Mächten" - und nicht etwa ein Volk von wenigen Helden und vielen Kollaborateuren.

Ungarn ist nicht der erste und nicht der einzige Staat, der sich - auch noch siebzig Jahre nach dem Holocaust - schwer tut mit der Auseinandersetzung über das eigene Erbe. Allerdings sind die Gräben seit dem Amtsantritt von Viktor Orbán noch tiefer geworden, als sie ohnehin waren. Kritiker werfen ihm vor, die zahlreichen Aktionen und Initiativen gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus in jüngster Zeit seien nichts als Show für den Westen.

Die jüdische Philosophin Ágnes Heller glaubt, Orbán wolle damit "raus aus seiner Schmuddelecke" - und mache so die Shoah-Opfer "ein zweites Mal zu Opfern". Sie unterstelle dieser Regierung keine guten Motive, sagt sie - lasse sich aber gern eines Besseren belehren.

© SZ vom 15.01.2014/odg
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