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Einheitsdenkmal:Wippe ohne Mitte

Jahrelang wurde diskutiert, voller Wankelmut. Das Ergebnis ist eine Schale, auf der die Besucher hüpfen sollen. Besser wäre die Einsicht, es einfach bleiben zu lassen.

Von Johan Schloemann

Am Spreekanal zu Berlin stand einmal ein pompöses Reiterdenkmal für Kaiser Wilhelm I., mit der Inschrift "Aus Dankbarkeit und treuer Liebe das Deutsche Volk". Daselbst will die große Koalition jetzt doch noch schnell sich und der Wiedervereinigung ein neues Denkmal setzen. Vor zehn Jahren schon hatte dies der Bundestag beschlossen. Die tot geglaubte riesige Betonwippe, die sich eine Messebau- und Event-Agentur zusammen mit einer Tanztheaterregisseurin ausgedacht hat, soll doch Gestalt annehmen. Bislang war sie nicht, wie vorgeschoben, an den Kosten gescheitert, sondern an einem sehr berechtigten Unbehagen.

Diejenigen, die sich über das Vorhaben freuen, erwarten viel von der wackeligen Konstruktion im Herzen der Hauptstadt: Sie soll das Bürgerbewusstsein durch Bewegung stärken, eine Selbstfeier der Demokratie in reaktionärer werdenden Zeiten und den Stolz auf die friedliche Revolution in der DDR im Jahr 1989 ausdrücken. Das Einheitsdenkmal soll, so der simple geschichtsphilosophische Gedanke, die positive Entsprechung werden zum nahegelegenen Holocaust-Mahnmal, das von rechts als "Denkmal der Schande" verunglimpft wird.

Das Ergebnis einer langen Suche: eine halbe Sache

"Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk." Diese Rufe der Demonstranten vor und nach dem Fall der Berliner Mauer sollen in großen Lettern auf der Wippe stehen. Sie klingen aber leider längst nicht mehr nach dem freiheitlichen Umsturz der kommunistischen Diktatur und nach dem Ende der Teilung Europas. Sie klingen heute nach AfD, Pegida und Ungarn. Man kann zwar einwenden, die Republik dürfe sich die Begriffe nicht entwenden lassen, sondern müsse sie im Geist der Verfassung für sich beanspruchen. Trotzdem werden jene Worte derzeit viel hässlicher und völkischer verwendet als vor einem Vierteljahrhundert, als man noch allzu vorschnell vor einem nationalen und "preußischen" Revanchismus der neuen Berliner Republik warnte.

Aber es ist nicht nur die missbräuchliche "Volks"-Rhetorik, die am Einheitsdenkmal zweifeln lässt. Und auch nicht nur die ästhetische und städtebauliche Fragwürdigkeit eines Projekts, das Skateboards, Graffiti und Zigarettenkippen einlädt, wenn nicht die notorisch ruppigen Berliner Wachdienstleute in Hundertschaften davor schützen. Nein, das Problem ist fundamentaler: Die viel beschworene "symbolische Mitte" Deutschlands in Berlin zwischen Pariser Platz und Alexanderplatz, die Mitte also, welche die Wippe angeblich füllen soll - die gibt es einfach nicht, und es kann sie nicht geben.

Bereits die langen Diskussionen um den Abriss des DDR-Palasts der Republik und die Rekonstruktion des Hohenzollern-Schlosses am selben Ort haben gezeigt, was für eine Chimäre diese symbolische Mitte ist. An den Wunden, die die Geschichte schlug, kann man sie nicht zur künstlichen Heilung herbeizwingen. Und wenn man sie überhaupt suchen müsste, dann in einem imaginären Raum irgendwo zwischen den Stuttgarter Daimlerwerken und der Fanmeile am Brandenburger Tor, zwischen dem Karlsruher Verfassungsgericht und dem Schauplatz der ursprünglichen Montagsdemonstrationen in Leipzig, zwischen Bundestag, Bundesrat und Städtetag, zwischen Kölner Dom, Deutscher Bank in Frankfurt und Schalke 04, zwischen Alpenglühen und Kieler Woche und so weiter.

Die Besonderheit des provisorischen Neuanfangs der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg war, parallel zum allmählichen, schmerzlichen Schuldbekenntnis, die rituelle Zurückhaltung: kein Pomp, keine Paraden, keine affirmativen Nationaldenkmäler. Manche rügten das als Provinzialismus und Unbeholfenheit, aber die Bescheidenheit hatte gute historische Gründe und erfrischend zivilisierende Wirkungen. Manchmal ist die deutsche Selbstdarstellung sicherlich arg blutleer: Warum haben wir nicht Goethe auf der Zwei-Euro-Münze, so wie die Italiener Dante, sondern nur den nüchternen, fiskalischen Bundesadler? Aber im Ganzen hat doch der teils unpathetisch lässige, teils bürokratisch langweilige Stil der Bundesrepublik viel für sich, und mit den nötigen Anpassungen und Geschichtsbewusstsein ließ er sich eigentlich auch recht gut in Berlin fortführen.

Bis eben auf die ominöse symbolische Mitte. Langwierige Debatten über solche Projekte sind in der Demokratie keine Schande. Aber wenn der Wankelmut am Ende nichts Gutes gebiert, müsste man es auch mal bleiben lassen können. Schon der Schloss-Wiederaufbau ist ja ein einziger Krampf. Die Einheits-Schale ist eine weitere Blamage. Wenn sie sich wirklich nicht mehr verhindern lässt, kann man nur noch sagen: Nun wippt mal schön - aber bitte so lange und heftig, dass auch Björn Höcke schlecht wird.

© SZ vom 16.02.2017
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