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Eindrücke des SZ-Korrespondenten aus Haiti:"Einfach erschossen und abgelegt"

Getötete Gefangene, Massenflucht und große Solidarität: SZ-Korrespondent Peter Burghardt schildert seine Eindrücke aus Port-au-Prince am Tag sieben nach dem Beben.

Peter Burghardt ist Korrespondent der Süddeutschen Zeitung für Süd- und Mittelamerika. Der erfahrene Journalist kennt Haiti von Besuchen vor den Beben. Nach den Erdstößen flog er erneut nach Port-au-Prince - und schildert nun seine Eindrücke aus dem Katastrophengebiet.

Port-au-Prince Erdbeben Haiti zerstörte Kirche Getty

Zerstört und verbrannt: Kirchenruine in Port-au-Prince

(Foto: Foto: Getty)

Als Peter Burghardt die folgenden Antworten schreibt, ist es in Haiti kurz vor acht Uhr.

Guten Morgen, Herr Burghardt. Sie sind gerade im zerstörten Port-au-Prince aufgewacht. Welche sinnlichen Eindrücke nehmen Sie wahr?

Als Erstes höre ich jeden Morgen den Gockel im Garten im Büro der Welthungerhilfe, wo wir auf dem Boden schlafen. Dann ging zum Glück der Generator an, wir haben fürs Erste wieder Strom. Ansonsten hört man fast immer das Brummen der Transportflugzeuge.

In der Stadt soll Anarchie herrschen, von Plünderungen, Schießereien und Lynchjustiz ist die Rede. Haben Sie Angst, auf die Straße zu gehen?

Port-au-Prince war vor allem in bestimmten Gegenden schon vor dem Erdbeben gefährlich, gut aufpassen ist keine schlechte Idee. Die Nächte sind mangels Strom stockfinster. Die Leute sind aber relativ ruhig, wenn man die Umstände bedenkt. Die Berichte ständiger Schießereien und Plünderungen können wir hier nicht bestätigen, allerdings gibt es Fälle.

Am Friedhof fanden wir vier Leichen von Häftlingen aus dem ebenfalls zerstörten Gefängnis, die wurden von den Überlebenden der Polizei oder privaten Sicherheitsleuten einfach erschossen und neben Massengräbern abgelegt. Ansonsten fallen jetzt die US-Marines ein, und es patrouillieren Einheiten der UN-Blauhelme, die Lage kontrollieren die jedoch nicht wirklich.

Inzwischen wird von einem Exodus aus Port-au-Prince berichtet. Haben Sie Anzeichen einer solchen Massenflucht beobachten können?

Logisch versucht jeder, der die Möglichkeit beziehungsweise das Geld hat, dem Desaster zu entkommen. Die Dominikanische Republik ist nur 60 Kilometer entfernt. Auf der Straße zur Grenze war schon bei unserer Ankunft Stau in beide Richtungen, und in der Stadt herrscht Verkehrschaos zwischen Trümmern.

Im Video: Eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in dem Karibik-Staat warnen Mediziner vor Infektionskrankheiten. Sie müssen derzeit in nicht gekanntem Ausmaß Gliedmaßen amputieren. Weitere Videos finden Sie hier

Zahlreiche Helfer und Hilfsgüter sind mittlerweile aus dem Ausland in Haiti eingetroffen. Wie macht sich die Hilfe bemerkbar?

Die Verteilung der Hilfsgüter beginnt schleppend, die Leute werden ungeduldig. Port-au-Prince ist unfassbar zerstört, unter den Betonbergen liegen noch Tausende Tote und vielleicht die letzten Überlebenden, es riecht nach Verwesung, da kann die Stimmung bei niemandem gut sein.

Die Helfer versuchen zu tun, was sie können, es gibt jedoch große logistische Probleme, auf dieses Ausmaß war einfach niemand vorbereitet. Es gibt aber auch eine große Solidarität. Unter den Opfern, die sich notdürftig selbst organisieren, manchmal auch unter den Krisenhelfern und Berichterstattern, die Betten und Schlafsäcke teilen.

Wie sieht Ihr "Alltag" in Haiti aus: Wo schlafen Sie? Wie bewegen Sie sich fort? Wie informieren Sie sich?

Ich schlafe bestenfalls auf dem Boden, entweder bei der Welthungerhilfe oder gegenüber im Hotel Prestige, das wie alle Hotels voll ist. Viele Hotels sind auch ganz oder teilweise demoliert, in einem sitzen die Kollegen zwischen Trümmern. Überall wird gecampt, auch bei der deutschen Botschaft. Wir haben einen Taxifahrer aus der Dominikanischen Republik verpflichtet, der fährt uns, sofern er Benzin findet.

Das Menü besteht meistens aus Keksen und Müsliriegeln, die wir zum Glück reichlich mitgebracht hatten, die Vorräte gehen jedoch zur Neige. Dick wird man hier nicht. Man kann aber angeblich in einigen Geschäften einkaufen, alles eine Frage des Geldes, und drüben im Prestige gibt es zwei ordentliche Gerichte. Das Internet geht mal, mal geht es nicht, kommt auch auf den Dieselgenerator an. Die Handys funktionieren nur ab und zu.