Trudeau, Kurz, Macron:Lauter kleine Kennedys

French President Emmanuel Macron arrives to deliver a speech during his inauguration at the handover ceremony at the Elysee Palace in Paris

Das Markenzeichen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron: schmale Anzüge und Krawatten. Damit zählt der erst 39-Jährige zur sogenannten Generation Slim-Fit - ähnlich wie der kanadische Premier Justin Trudeau oder der österreichische Außenminister Sebastian Kurz.

(Foto: REUTERS)

Charismatisch, dominant und klar: Von Kanada bis Österreich feiert ein jugendlicher Politiker-Typus große Erfolge. Aber taugt er fürs Regierungsamt?

Von Stefan Kornelius

In wenigen Tagen jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag eines Mannes, der eingebrannt ist in das Gedächtnis der Welt als das Sinnbild der ewigen Jugend: John F. Kennedy, mit 43 Jahren Präsident der Vereinigten Staaten, mit 45 Jahren ermordet. Sein Tod in Dallas, Texas, hat das Leben eingefroren, die Jugend konserviert und die Erinnerung geprägt, die bis heute anhält. Hundert Jahre wäre er geworden am 29. Mai? Unvorstellbar.

Der junge Kennedy hat einen Mythos genährt, der in der Geschichte nicht unbekannt ist: die Sehnsucht nach dem strahlenden, starken und gerechten Anführer, der die Klugheit des Alters mit der Kraft der Jugend verbindet. Eine derartige Strahlkraft entfaltet dieser Typus, dass es nicht verwundert, wenn sich in jeder Generation der eine oder andere John F. findet, der die Massen mitreißt. Gerade in dieser Zeit erlebt die Welt eine bemerkenswerte Renaissance dieses Polit-Versprechens: Erneuerung und Besserung durch die Kraft des Jungbrunnens.

Dieser Tage feiert diese Slim-Fit-Generation bemerkenswerte Erfolge in vielen westlichen Demokratien. Justin Trudeau, der kanadische Premier, ist mit 45 Jahren noch einer der Senioren der Runde. Aber er ist stilbildend für eine Politikerkaste, die sich anschickt, die Machtzentren zu erobern - oder bereits beachtliche Erfolge dabei vorzuweisen hat. Ganz vorne: Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, 39 Jahre alt, schmale Anzüge, schmale Krawatten. In Österreich: Sebastian Kurz, gerade mal 30, Außenminister, jetzt bald auch offiziell ÖVP-Parteichef, dann Kanzlerkandidat, vielleicht gar Kanzler der Republik. In Deutschland ist es Christian Lindner, 38 Jahre alt, der den Weg zur Macht mit Dreitagebart und eng geschnittenen Hemden antritt. Ihr Generationsvorbild dürfte der Italiener Matteo Renzi sein, heute 42, der mit 39 den Premiers-Thron in Italien bestieg, zwei Jahre später wieder verließ - und seitdem lediglich phänotypisch nicht mehr zur Slim-Fit-Generation gehört.

Sie erobern alte Parteien oder gründen gleich eine neue Bewegung wie En Marche

Es sind am Ende aber nicht Hemden und Revers, die diesen Politiker-Typus auszeichnen. Vielmehr verbindet diese Jung-Aufsteiger ein ähnliches Welt- und Politikbild. Sie alle sind weitgehend unideologisch, schneidern sich eine politische Bewegung nach ihrem Bild, bestechen durch Charisma und sind Mitglied im Verein der klaren Aussprache. Das rhetorische Geschick ist enorm, die Bereitschaft zur Unterordnung unter herkömmliche Parteiströmungen nicht ausgeprägt. Stallgeruch, Ortsverein, die Tradition-Laufbahn durch die Parteietagen - das passt nicht.

Canada's PM Trudeau speaks in the House of Commons on Parliament Hill in Ottawa

Der Liberale Justin Trudeau, 45, ist seit November 2015 Premierminister Kanadas.

(Foto: REUTERS)

Besonders beeindruckend agiert hier der französische Präsident, der viel riskiert und alles gewonnen hat. Macron erkannte in der Aufwärmphase des Wahlkampfes, dass die klassischen Parteilager Frankreichs ausgelaugt oder von Parteikadern verbarrikadiert waren. Er gründete seine eigene "Bewegung" - zunächst nicht mehr als ein Label, würde man im Marketing sagen. En Marche wurde zum Sammelbecken für all die Enttäuschten, Verlassenen, Orientierungslosen, die in den alten Parteistrukturen keine Zukunft mehr sahen. Links oder rechts - für Macron macht das keinen Unterschied. Er besetzt die Mitte und schmückt sich mit moderaten Vertretern aller politischen Himmelsrichtungen. Die klassische Lagerbildung ist aufgehoben, es geht nun um die vermeintlich Vernünftigen und Aufrechten gegen die Radikalen und Weltabgewandten.

Renzi war Nutznießer ähnlicher Zerfallserscheinungen der traditionellen Parteienlandschaft Italiens. Seine Demokratische Partei (Partito Democratico, PD) wurde zwar schon vor einem Jahrzehnt als Sammelbecken frustrierter Mitte-Politiker gegründet und erlebte vor dem Aufstieg des Florentiner Jungstars Höhen und Tiefen. Renzi aber kultivierte wie später Macron das Bild des einsamen Revolutionärs, der eine ideologisch und parteipolitisch verkrustete Herrscherkaste (Berlusconi) aufbrechen und verjagen konnte. Renzi machte sich die PD untertan, so wie es ein Christian Lindner in Deutschland und ein Sebastian Kurz in Österreich mit ihren Parteien tun sollten. Lindner und Kurz profitierten davon, dass ihre Gruppierungen ausgelaugt und ermattet sind. Sie allein sind es, die ihnen neue Kraft einhauchen. Das befördert den Kultstatus und das Bild des kraftvollen Erneuerers.

AUSSENMINISTER TUNESIENS IN ÖSTERREICH: KURZ

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz dürfte bald die ÖVP führen - mit 30 Jahren.

(Foto: dpa)

Zugute kommt diesem Politikertypus eine Öffentlichkeit und eine Medienlandschaft, die ihr Führungsverhalten belohnt und sogar befördert. Die Welt ist kompliziert genug, die Leute haben die Nase voll von innerparteilichem Gezänk und Machtkämpfen. Sie wollen Klarheit, Führungsstärke, eine ordentliche Ansage. Martin Schulz, der SPD-Vorsitzende, verdankt seinen kurzfristigen Höhenflug auch jener Projektion: dass er der einsame Retter einer Partei sein könnte, die vor allem vom Streit lebt. Die Hoffnung hat getrogen.

Ob die Generation Slim Fit fürs Regierungsamt taugt? Macron wird es beweisen müssen. Der Nimbus der Jugend und der ideologischen Unberührtheit verfliegt mit der Zeit. John F. Kennedy hat das nicht erleben müssen. Aber der Preis, den er für die ewige Jugend zahlen musste, der war eindeutig zu hoch.

© SZ vom 20.05.2017/cag
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