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Ein Jahr nach Tod des Al-Qaida-Chefs:Wie Obama mit dem toten Bin Laden Wahlkampf macht

"Fragen sie Osama bin Laden, ob ich zögerlich bin": US-Präsident Obama will mit dem toten Terror-Chef bei den Wählern punkten. In einem Werbespot erwecken die Demokraten sogar den Eindruck, Herausforderer Romney hätte in der gleichen Situation den Befehl zum Einsatz nicht gegeben. Doch nicht nur deshalb reagieren die Republikaner gereizt.

Matthias Kolb, Washington

Ein Jahr nach seinem Tod ist Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden in Amerika noch immer sehr präsent. Und dafür ist der Präsident verantwortlich. Barack Obama führt das Ende Bin Ladens als Beleg für die eigene Entschlossenheit und Führungsstärke an. Kurz vor dem Jahrestag erweckt das Obama-Lager in einem Werbespot den Eindruck, Mitt Romney hätte den Einsatzbefehl nicht gegeben. Die Republikaner sind erbost über diese parteipolitische Inszenierung.

"Der amerikanische Präsident ist der decider-in-chief. Die endgültige Entscheidung trifft er allein", zitiert US-Präsident Bill Clinton seinen Vorgänger George Bush. Clinton, der bereits in Obamas 17-minütigem Hollywood-Werbefilm eine prominente Rolle gespielt hatte, erinnert die Amerikaner in dem soeben erschienenen Spot "One Chance" an das Risiko, das der 44. US-Präsident einging, als er das Navy SEAL Team 6 losschickte. Seine Berater hielten es für keineswegs sicher, dass sich der Staatsfeind Nummer 1 in dem Haus in Abbottabad aufhielt, und die Elitesoldaten hätten verhaftet oder getötet werden können.

Doch Obama habe sich nach reiflicher Überlegung entschieden, das Risiko einzugehen, um Amerikas Sicherheit zu schützen, erklärt Clinton. "So wurde das in meinen Augen beste Ergebnis erzielt", bilanziert der Ehemann von Obamas Außenministerin. Dann erscheint ein Fragesatz vor blauem Hintergrund: "Wie hätte Mitt Romney in dieser Situation gehandelt?"

Die Botschaft ist klar: Der frühere Gouverneur aus Massachusetts wäre womöglich zu feige gewesen. Als Beleg wird ein fünf Jahre altes Zitat eingeblendet. Romney hatte damals gesagt, es sei nicht nötig, Millionen Dollar auszugeben und alles in Bewegung zu setzen, um eine Person zu fassen. Dabei sei Bin Laden doch für die Anschläge vom 11. September und den Tod von knapp 3000 Amerikanern verantwortlich.

Die Reaktion der Republikaner ließ nicht lange auf sich warten. "Selbst Jimmy Carter hätte den Befehl gegeben, Bin Laden zu töten", konterte Mitt Romney scharf und "natürlich" hätte er das auch getan.

Obama nutze seine "einzige richtige Entscheidung" dafür aus, um sich voller Pathos selbst zu preisen, giftet John McCain, der vor vier Jahren gegen den Demokraten verloren hatte. Der Senator aus Arizona hält es für "eine Schande", dass Obama die Erinnerung an die Toten von 9/11 für einen billigen Werbespot nutze.

Mitt Romneys Sprecherin Andrea Saul findet es "traurig", dass das Obama-Lager ein Ereignis, das Amerika geeint habe, nun dafür nutzen wolle, um die USA wieder zu spalten. Der Präsident wolle lediglich von seiner gescheiterten Wirtschaftspolitik ablenken, tönt Romneys Sprecherin. Ähnlich äußerte sich Romney-Berater Ed Gillespie: Die Amerikaner seien klug genug, um zu erkennen, dass dieser Clip nur Teil einer "verzweifelten Kampagne" sei.

Ähnliche Statements werden Gillespie und Paul bis zum 6. November noch öfter in die Mikrofone sagen, denn der erfolgreiche Abschluss der Jagd auf den Al-Qaida-Chef wird im Wahlkampf der Demokraten eine wichtige Rolle spielen. Vizepräsident Joe Biden bilanziert die erste Amtszeit gern mit "Bin Laden ist tot und General Motors lebt". Kürzlich hielt er in New York eine außenpolitische Rede, in der er dem Republikaner Führungsschwäche vorwarf: "Nichts illustriert den Unterschied zwischen Präsident Obama und Gouverneur Romney stärker als die Jagd auf Osama bin Laden."

Obama weiß, dass es den Republikanern trotz seiner abwartenden Position in der Syrien-Frage und bezüglich einer möglichen Bombardierung der iranischen Nuklearanlagen schwer fallen wird, ihn als zögerlichen, schwachen Präsidenten darzustellen. Der Außenpolitik-Experte Peter L. Bergen bezeichnet ihn gar als "Kriegspräsidenten" - die Zahl der Drohnen-Einsätze in Pakistan hat enorm zugenommen, es wurden mehr Soldaten nach Afghanistan geschickt, die USA übernahmen die Führung beim Libyen-Krieg und Obama ließ mit dem Al-Qaida-Kämpfer Anwar al-Awlaki sogar einen gebürtigen Amerikaner töten.

Wahlkampf im situation room

Mitunter klingt es fast angeberisch, wenn Obama auf seine angebliche Zurückhaltung gegenüber Amerikas Feinden angesprochen wird: "Sie können ja Osama bin Laden oder die 22 der 30 Al-Qaida-Führer, die wir getötet haben, fragen, ob ich zögerlich bin."

Noch etwas macht deutlich, wie wichtig die Tötung Bin Ladens für die Wahlkampagne sein wird: Pünktlich zum Jahrestag wird eine einstündige Sondersendung ausgestrahlt, für die der NBC-Journalist Brian Williams den Präsidenten und seine wichtigsten Berater im situation room interviewen durfte.

Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorhersagen zu können, dass alle neben der Kompetenz der Elite-Soldaten auch die Entschlossenheit des Präsidenten loben werden. Dass Tony Fratto, ein früherer Sprecher von George W. Bush, es als "ungehörig" bezeichnet, diesen besonderen Raum für Werbezwecke zu nutzen, dürfte Obama dabei herzlich egal sein.

Linktipp: Peter L. Bergen von der New America Foundation hat einen pointierten, ausführlichen Essay über den Kriegspräsidenten Barack Obama geschrieben, der in der New York Times erschienen ist.

© Süddeutsche.de

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