Ein Bild und seine Geschichte Posieren nach dem Coup

Das Archivbild vom 17. September 1979 zeigt die Familie Strelzyk mit dem Heißluftballon, mit dem sie am Tag zuvor eine tollkühne Flucht aus der DDR unternommen hatte. Mit von der Partie war die Familie Wetzel, die auf dem Bild allerdings nicht zu sehen ist.

(Foto: picture-alliance / dpa)

1979 gelingt zwei Familien spektakulär die Flucht aus der DDR - im selbstgebauten Heißluftballon überwinden sie den Todesstreifen. Die riesige Blamage für die Machthaber in Ost-Berlin schlachtet der Westen weidlich aus.

Von Paul Katzenberger
Ein Bild und seine Geschichte

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Die Spurensicherung hatte auf einer Waldlichtung zwischen den thüringischen Ortschaften Oberlemnitz und Heinersdorf ganze Arbeit geleistet: Der Ort war penibel abgesucht und alle möglichen Spuren registriert und markiert worden, wie aus Unterlagen des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik hervorgeht. Was war geschehen? In aller Regel sichern Kriminaltechniker ihre Sachbeweise nur dann mit derartiger Akribie, wenn ein Kapitalverbrechen begangen wurde.

Doch was hier im Jahr 1979 geschehen ist, war kein Mord oder Raubüberfall. Vielmehr hatten Menschen eine Freiheit gesucht, die die DDR ihnen nicht gewährte: Die beiden Familien Strelzyk und Wetzel hatten die Waldschneise als Startplatz für einen selbstgebauten Heißluftballon ausgewählt. Mit ihrer 28 Meter hohen und 20 Meter breiten Montgolfière wollten sie die innerdeutsche Grenze zwischen der DDR und Westdeutschland überfliegen, die auf dem Landweg für DDR-Bürger schwerstens abgeriegelt war.

Die Flucht gelang: Am 16. September 1979 landeten Peter und Doris Strelzyk mit den Söhnen Andreas und Frank sowie Günter und Petra Wetzel mit Andreas und Peter um zwei Uhr nachts in Naila, Oberfranken. Die DDR hatte acht ihrer Bürger an die Bundesrepublik verloren.

Wie sehr sich die ostdeutschen Machthaber düpiert fühlen mussten, lässt sich anhand des Fotos gut nachvollziehen, dass die glückstrahlenden Flüchtlinge kurz danach zeigt. Für die Aufnahme setzte sich Familie Strelzyk einen Tag nach ihrem Coup erneut in die Gondel des Ballons, um für die westlichen Medien zu posieren.

Im Propagandakrieg zwischen der DDR und der Bundesrepublik war auch die westliche Seite nicht zimperlich, und natürlich war die Ballonflucht eine riesige Blamage für die Machthaber in Ost-Berlin, die der Westen weidlich ausschlachtete. Ein großer Teil der originalen Ballonhülle und die originale Ballongondel befinden sich seit 1979 als Exponate im Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Berlin. Auch in Nailas Heimatmuseum werden Teile des Ballons ausgestellt.

Das Filmdrama "Ballon", das an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, schildert die Vorbereitung und den Verlauf der Ballonflucht. Diese verlief tatsächlich dramatisch, denn ein erster Fluchtversuch der Familie Strelzyk war im Sommer 1979 gescheitert. Kurz vor der innerdeutschen Grenze war deren Ballon abgestürzt. Die Hülle hatte sich mit Wasser vollgesogen. Der Ballon war dadurch zu schwer geworden und in den Sinkflug übergegangen.

Die Strelzyks hatten Glück, dass sie die Bruchlandung unverletzt überlebten, doch der zurückgelassene Ballon stellte eine sofortige Bedrohung da.

Der richtige Wind zur richtigen Zeit

Zumal die Stasi am Landeort Medikamente fand, die Doris Strelzyk (im Film gespielt von Karoline Schuch) bei dem Fiasko verloren hatte. Arzneimittel waren in der DDR nummeriert, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Behörden die Pillen Doris Strelzyk hätten zuordnen können: "Der Leiter der Stasi-Bezirksverwaltung Gera hat mir später in einem vertraulichen Gespräch gestanden, dass sie noch sechs Tage gebraucht hätten, um den Namen zu ermitteln", erzählt Günter Wetzel. "Wenn wir am 16. September 1979 nicht den richtigen Wind gehabt hätten, um die Fahrt anzutreten, hätten sie uns wohl erwischt."

Im Film ist alles noch etwas dramatischer: Da lässt Stasi-Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann) die Grenztruppen in Alarmbereitschaft versetzen und ist den Fliehenden in der Fluchtnacht per Hubschrauber auf den Fersen. Ganz so atemberaubend ging es bei der Flucht nicht zu, räumt Wetzel ein. Die Abweichung von der Realität sei für ihn aber vollkommen ok: "Ein Spielfilm soll ja spannend sein. Ein bisschen Dramatisierung ist da absolut legitim."

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