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Ein Bild und seine Geschichte:Österreichs Pyrrhus-Sieg am Isonzo

Schlacht am Isonzo im Ersten Weltkrieg, 1917

Isonzofront am 25. Oktober 1917: Österreichisch-ungarische Infanterie stürmt unter Artilleriefeuer die vordersten Stellungen der italienischen Armee.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Im Herbst 1917 triumphiert das angeschlagene Habsburger-Reich ein letztes Mal in Italien. Es gewinnt dank deutscher Giftgaswolken - doch die Folgen sind dramatisch.

Von Oliver Das Gupta

Im Herbst 1917 tobt der Erste Weltkrieg besonders blutig im Friaul und später in Venetien im Norden Italiens. Seit dem Kriegseintritt des Landes zwei Jahre zuvor zieht sich eine Todeszone durch das südliche Alpenvorland.

Entlang des Gebirgsflusses Isonzo töten und sterben die Soldaten aus Italien und Österreich-Ungarn. Hunderttausende Menschen ersticken am Gas, werden von Kugeln durchsiebt, von Granaten zerfetzt oder von Krankheiten hinweggerafft. Das wasserarme, karge Karstgelände und die miserable Versorgung verschlimmern das Leiden der Soldaten.

"Ich schlafe mitten unter Leichen, ich esse zwischen Leichen", schreibt ein österreichischer Offizier an seine Eltern. "Man hört und sieht hier nichts als Tod, atmet Tod und denkt nur an den Tod". Das Ausbluten der Armee an der Südfront ist weniger bekannt als das Gemetzel an der Westfront, aber nicht minder schrecklich.

Elf Schlachten bringen kaum Geländegewinne bis zum Sommer 1917, doch es scheint, als zeichne sich nun eine mögliche Veränderung ab. Die ohnehin arg lädierten k.-und k. Streitkräfte sind nicht nur zahlenmäßig unterlegen, sie sind auch demoralisiert. Die Italiener haben sich im Spätsommer bis 15 Kilometer an die österreichische Adria-Metropole Triest heran gekämpft. Die italienischen Feldherren haben die Offensiven allerdings mit viel Blut und Menschenleben erkauft, so dass in den eigenen Armeen Frust und Unmut schwelen. Immer mehr Soldaten desertieren.

Generalstabschef Luigi Cadorna lässt undisziplinierte eigene Soldaten erschießen und plant eine weitere Offensive, die endlich die Entscheidung zugunsten der Italiener bringen soll. Siegessicher angesichts der zermürbten Habsburger-Armee ignoriert Cadorna die Nachrichten, die ihm zugetragen wurden: Dass auf österreichischer Seite ein Aufmarsch im Gange ist.

In Wien fürchtet man nämlich, dass die eigenen Truppen einem weiteren Angriff der Italiener nicht mehr standhalten können - ähnlich sorgt sich das verbündete deutsche Kaiserreich. Die "Mittelmächte" vereinbaren, dass deutsche Einheiten die ausgelaugten österreichischen Isonzo-Truppen verstärken, um dann eine Offensive zu versuchen: Es wird ein Angriff, der nicht nur die ersehnte Entlastung bringt, sondern einen Triumph für die Österreicher.

Am 24. Oktober beginnt die 12. Isonzoschlacht im nördlichen Frontabschnitt, in den Bergen um die Orte Flitsch, Tolmein und Karfreit. Entscheidend ist wohl der Einsatz deutscher Chemiewaffen. Schätzungsweise 70 000 Giftgasgranaten werden verschossen. Auch gelingen einigen deutschen Truppenteilen strategisch wichtige Vorstöße.

Der junge württembergische Offizier Erwin Rommel schafft es mit seinen Männern, gleich mehrere strategisch wichtige Stellungen der Italiener im Handstreich zu erobern - er probt ein bisschen Mikro-Blitzkrieg. Später, im Zweiten Weltkrieg, wird er als Hitlers "Wüstenfuchs" Schlachten mit ähnlichen Täuschungs-Kniffen gewinnen, die er schon im Ersten Weltkrieg anwendet. Am Isonzo ergeben sich ihm Tausende italienische Soldaten - und erkennen erst danach, dass Rommels Einheit nur ein paar hundert Mann stark ist.

Die Österreicher sprechen vom "Wunder von Karfreit" - die Italiener von der "Schmach von Caporetto"

Am 27. Oktober, drei Tage nach Beginn der Offensive, bricht die italienische Front zusammen. Wochenlang drängen österreichisch-ungarische und deutsche Truppen den zurückflutenden Italienern nach. Erst am Ufer des Piave kommt der Vormarsch zum Stehen - Venedig ist Luftlinie nur noch etwa 30 Kilometer entfernt. Italien steht damals am Rande der Niederlage, die Regierung erwägt sogar, ihren Sitz von Rom nach Neapel zu verlegen.

Der Verlauf der Isonzo-Schlacht überrascht Freund und Feind. Die Mittelmächte jubeln, die Zeitungen klingen ein paar Wochen so siegesgewiss wie zuletzt nach dem Kriegsausbruch 1914. Der österreichische Kaiser Karl schickt seinem deutschen Verbündeten Wilhelm II. "innigen Dank" für die Waffenhilfe. Der Hohenzoller frohlockt in seiner Antwort: "Weiter mit Gott!"

Die Österreicher sprechen nun vom "Wunder von Karfreit", jenem Ort, den die Italiener Caporetto nennen und die Slowenen Kobarid. Die morsche Donaumonarchie feiert einen ungeheuren Triumph, gemessen an den Hundertausenden Gefangenen ist es der bis dahin größte Erfolg einer Militäroperation im Ersten Weltkrieg.

Doch Österreichs Erfolg am Isonzo erweist sich als "Pyrrhus-Sieg", wie der Wiener Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner schreibt. Um die Offensive zu organisieren, um Munition und Truppen an die Front zu transportieren, ist der Großteil aller österreichischen Züge an die Südfront beordert worden.

Die Folgen sind dramatisch: Die Versorgungslage der ohnehin schon darbenden Bevölkerung in Österreich verschlechtert sich zu Beginn der Wintermonate dramatisch. Ein Jahr später kommt es in Wien zur Revolution, die Habsburger werden vertrieben.

Soweit ist es im Spätherbst 1917 noch nicht, aber auch auf der gegnerischen Seite zieht man Konsequenzen aus den Geschehnissen. Frankreich und Großbritannien reagieren sofort auf den drohenden Kollaps der Italiener, schicken ihrem Verbündeten Einheiten und Waffen - und schreiben Rom als Partner insgeheim ab.

Der "verstümmelte Sieg"

Italien wird beim Waffenstillstand 1918 zwar auf der Gewinnerseite stehen, aber es fühlt sich betrogen: Die Alliierten gestehen Rom nicht das geforderte Territorium in Dalmatien zu, deshalb macht sich in Italien bald das Gefühl breit, dass der Sieg "verstümmelt" sei. Die Niederlage der 12. Isonzoschlacht wirkt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs weiter nach.

Der vom Sozialisten zum Nationalisten gewandelte Benito Mussolini macht für die "Schmach von Caporetto" die demokratische Regierung verantwortlich. Dieser Schwäche stellt Mussolini seinen Kult um die Gewalt entgegen. So driftet Italien in die Diktatur, die für das Land im nächsten Weltkrieg endet.

© SZ.de/mcs/liv

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