bedeckt München 18°
vgwortpixel

Ein Bild und seine Geschichte:Kurzer Prozess, Tod am Würgegalgen

Im Castello del Buonconsiglio, dem prächtigen Bischofspalast, endet die Fahrt. Battisti wird verhört und in einer kleinen Zelle eingesperrt, man kann sie heute noch besichtigen. Nach einer Nacht wird ihm der Prozess gemacht, den Historiker Ferrandi "eine Farce" nennt: Battisti wird der Anwalt seines Vertrauens verweigert, die Ankläger ignorieren seine formell nach wie vor bestehende österreichische Abgeordnetenimmunität.

Ein Militärgericht befindet ihn innerhalb eines Vormittags für schuldig, er wird zum Tode verurteilt. Allerdings wird ihm verweigert so zu sterben, wie es nach damaliger Sicht "ehrenvoll" wäre: Statt in italienischer Uniform muss er einen Zivilanzug tragen. Zudem wollen ihn die Österreicher auch nicht erschießen lassen - Battisti soll am Würgegalgen sterben.

Am Abend des 12. Juli wird Battisti von Soldaten in seiner Zelle abgeholt, er wird durch den kunstvoll mit Fresken versehenen Palast geführt auf die Rückseite, in den Graben. Dort warten hunderte Soldaten, manche sind die Felsen hochgeklettert, um besser sehen zu können.

Henker Lang legt ihm die Schlinge um, sie reißt. Den zweite Versuch überlebt Cesare Battisti nicht. Ein Arzt stellt den Tod fest. Scharfrichter Lang posiert über der Leiche, Soldaten und Zivilisten drängen links und rechts neben den Toten. Alle grinsen, als der Fotograf mit der Kamera kommt. Später wird ein Gebet gesprochen, man bedeckt den Toten mit einem weißen Tuch, die Soldaten salutieren.

Pausenlos knipsen damals mehrere Fotografen, so dass noch heute mehr als 150 Bilder von der Hinrichtung erhalten sind. Das frühe Medienereignis hat Folgen. Durch die öffentlichkeitswirksame Tötung verbreitet sich die Nachricht von Battistis Schicksal, zwar zeitversetzt, aber sicher dringt die Kunde um die Welt.

Der austriakische Triumph über den Verräter gerät zum propagandistischen Rohrkrepierer: Nicht Battistis Seitenwechsel, sondern die demonstrative Grausamkeit steht nun im Mittelpunkt. Nach dem Ende des Krieges wird Karl Kraus die Hinrichtung in seinem Werk "Die letzten Tage der Menscheit" einflechten. Die Erstausgabe illustriert der scharfzüngige Wiener Literat mit dem Foto der Leiche und den Grinsern.

"Battisti glaubte an die Demokratie - Mussolini glaubte an die Gewalt"

In Italien entsteht schon unmittelbar nach der Hinrichtung ein regelrechter Battisti-Kult. Anders als zu Lebzeiten preisen nun auch Nationalisten den Toten.

Besonders dratisch wird ab den 1920er Jahren. Benito Mussolini, der vor dem Krieg als sozialistischer Funktionär Battisti kennengelernt hatte, betreibt die posthume Instrumentalisierung schamlos. Auf einem Hügel über Trient lässt der faschistische Diktator sogar ein monumentales Grabmal errichten, bei dessen Einweihung Battistis Ehefrau Ernesta demonstrativ fernblieb. "Battisti blieb immer Sozialist und glaubte an die Demokratie", sagt Historiker Ferrandi: "Mussolini glaubte an die Gewalt."

Battistis Witwe versucht bis zu ihrem Tod in den fünfziger Jahren, das Bild ihres Mannes richtig zu rücken: Er sei kein Nationalist gewesen, schon gar nicht habe er gewollt, dass die deutschsprachigen Südtiroler unterdrückt werden - so wie das bis nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall sein sollte. Battisti habe im Prinzip den Traum geträumt von den "vereinigten (nationalen) Staaten Europas", schreibt der Südtiroler Journalist Claus Gatterer in seiner Battisti-Biographie.

Ein anderer Trentiner, den Battisti aus Innsbrucker Studententagen kannte und der im Ersten Weltkrieg nach Italien ging, macht später Karriere in Rom: Alcide de Gasperi, der als italienischer Regierungschef einer der Gründungsväter der heutigen EU werden sollte. "Wenn Battisti den Krieg überlebt hätte, wäre er einer der Vordenker Europas geworden", sagt Historiker Ferrandi. "Er wollte freie Bürger in einem föderalen Europa".

Im Trienter Castello del Buonconsiglio kann die Gefängnisszelle Cesare Battistis, der Saal der Gerichtsverhandlung und der Ort der Hinrichtung besichtigt werden.

Erster Weltkrieg Cesare Battisti in Bildern Bilder

Erster Weltkrieg im Trentino

Cesare Battisti in Bildern

Sozialist und Soldat, Gefangener und Märtyrer: Historische Aufnahmen und Zeugnisse des Battisti-Kults.