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Ein Bild und seine Geschichte:Als Erich Kästner seine Werke auf dem Scheiterhaufen sah

Öffentliche Bücherverbrennung in Berlin, 1933

Berlin, am Abend des 10. Mai 1933: Als Höhepunkt einer von Joseph Goebbels initiierten "Aktion wider den undeutschen Geist" werden auf dem Opernplatz Bücher von Autoren verbrannt, die den Nationalsozialisten mißliebig sind.

(Foto: SCHERL)

1933 verbrannten die Nazis überall in Deutschland die Bücher missliebiger Schriftsteller. In Berlin sah ein verfemter Autor zu. In Wien forderte ein anderer: "Verbrennt mich!"

Als der Schriftsteller Oskar Maria Graf vor 85 Jahren, am 11. Mai 1933, die Zeitung aufschlägt, ist er fassungslos. Seit Ende Januar regieren die Nazis in Deutschland. Der Bayer hat aus seiner politischen Einstellung nie einen Hehl gemacht und München deshalb schon im Februar Richtung Wien verlassen. Sicher ist sicher. Was Graf in der Zeitung liest, gibt seinem Fluchtinstinkt Recht - und macht ihn doppelt wütend. Am Vortag wurden in Berlin, in München und anderswo im nationalsozialistisch gewordenen Deutschland zahlreiche Bücher unliebsamer Autoren verbrannt. Und: Die von Graf waren nicht darunter.

Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

In der Hauptstadt lodern die Flammen am späten Abend des 10. Mai, Zehntausende Zuschauer begaffen das von Scheinwerfern gut ausgeleuchtete Szenario auf dem Opernplatz (heute Bebelplatz). Die Nazis haben hier, wie auch in anderen Universitätsstädten, die Studentenschaft dazu auserkoren, die Bücher in einer schrecklich weihevollen Inszenierung zu verbrennen. Und die Studentenschaft ist willig angetreten. Dabei sind auch deutschnationale Burschenschaftler. Zeitungen zeigen später Fotos, auf denen sie im vollen Wichs in der ersten Reihe vor den Scheiterhaufen stehen.

"Wider den undeutschen Geist", heißt die Parole, angelehnt an die Bücherverbrennung während des Wartburgfestes 1817. Die Verbrennungen seien ein schreckliches und für die Nazis wichtiges Element der "Parteirevolution von unten", schreibt der Historiker Hans-Ulrich Thamer in seiner Hitler-Biographie. Das Regime deklariert die Studentenschaft zur "geistigen SA" des Dritten Reichs.

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Propagandaminister Josef Goebbels ruft von einem erhöhten Pult: "Hier sinkt die geistige Grundlage der Novemberrepublik zu Boden!". Mit der "Novemberrepublik" ist die demokratische Weimarer Republik gemeint, die am 9. November 1918 ausgerufen worden war. Goebbels ist es auch, der die reichsweite Aktion konzertiert hat. Er stellt sicher, dass die neu entstandenen Radiosender das Tamtam übertragen und die gleichgeschalteten Zeitungen über die "hingerichteten Büchern" und von "Scheiterhaufen" frohlocken und sie als loderndes Siegeszeichen der "nationalen Revolution" deuten. So zelebrieren die neuen Herren die Implementierung ihrer Kulturdiktatur.

In München werden die Bücher am Königsplatz verbrannt, zuvor gibt es eine Art feierlichen Akt in der Universität. Kultusminister Hans Schwemm beklagt "einheimische Ausländer", die in den 14 demokratischen Jahren "das deutsche Volk vergiftet" hätten. "Deutschland muss wieder, was es schon immer war, das Führervolk der Erde werden."

Es sind zehntausende Bücher von verfemten Autoren und Wissenschaftlern, die im Mai 1933 zu Asche werden. Werke von deutschen und internationalen Autoren, die den braunen Machthabern als links, jüdisch und liberal deklariert wurden: Sigmund Freud und Stefan Zweig, Ernest Hemingway und André Gide, Kurt Tucholsky und Magnus Hirschfeld.

Während die Bücher ins Feuer geschleudert werden, klopft man "Feuersprüche": Erich Kästner hört auf dem Berliner Opernplatz seinen Namen und sieht seine Bücher brennen. Auch die Hetzrede von Goebbels lässt er über sich ergehen. "Ich habe Gefährlicheres erlebt, Tödlicheres - aber Gemeineres nicht", wird Kästner später schreiben. Ihm sei damals klar geworden: "Die Flammen dieser politischen Brandstiftung würden sich nicht löschen lassen."

"Verbrennt mich!"

Schriftstellerkollege Graf schreibt in Wien von "verdorbenen Hirnen" der "braunen Mordbanden". Der Bayer fühlt sich auf besondere Weise betroffen: Sein Name steht nicht auf der schwarzen Liste, seine gut verkauften Werke scheinen die Nazis als harmlos anzusehen. Die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung druckt am 12. Mai 1933 Grafs empörte Widerrede. Er beklagt, dass seine Bücher nicht verbrannt werden. "Vergebens frage ich mich, womit ich diese Schmach verdient habe", schreibt Graf. In einer Zeit, in der unzählige Deutsche Wege suchten und fanden, sich mit dem Regime zu arrangieren, wendet sich der passionierte Lederhosenträger aus Berg am Starnberger See ultimativ gegen das braune Reich. Grafs unmissverständliche Forderung lautet: "Verbrennt mich!"

Doch die Nazis erfüllen ihm seinen Wunsch zunächst nicht. Noch im November 1933 wird ihm angeboten, an einem Werk über die alten Germanen mitzuwirken - ein Auftrag vom Goebbels' Ministerium. Im selben Monat beschwert sich Graf bei der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums, dass noch nicht alle seine Bücher auf dem Index stehen. Erst im Folgejahr wird er erlöst: Die Nazis bürgern ihn aus.

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