Ein Bild und seine Geschichte Als die Idee geboren wurde, das World Trade Center zu zerstören

Aus der Tiefgarage des World Trade Centers steigt Rauch auf, nachdem dort eine Autobombe detoniert ist. Für sechs Menschen kommt jede Hilfe zu spät.

(Foto: dpa)

Vor 25 Jahren explodiert in der Tiefgarage unter dem World Trade Center eine Bombe. Sechs Menschen sterben, etwa 1000 werden verletzt. Es ist der erste islamistische Anschlag in den USA.

Von Max Ferstl

Die Druckwelle ist noch auf Ellis Island im New Yorker Hafen zu spüren, drei Kilometer entfernt. So gewaltig ist die Explosion. Im World Trade Center stürzen Decken ein. Wände bersten. Dichte Rauchwolken steigen in den Zwillingstürmen auf. Mehr als 50 000 Menschen hasten zu den Aufzügen und ins Treppenhaus, versuchen verzweifelt, der qualmenden Hölle zu entkommen. Sie halten sich Tücher vors Gesicht, um den beißenden Rauch nicht einzuatmen. Kein Strom, überall Finsternis.

"Als wir ankamen, stand alles in Flammen", erinnert sich ein Feuerwehrmann: "Plötzlich kam ein Mann aus den Flammen, wie einer dieser Zombies in dem Film 'Die Nacht der Lebenden Toten'." Ein Überlebender sagt: "Es fühlte sich an, als hätte ein Flugzeug das Gebäude getroffen." Es ist kein Flugzeug, sondern eine Autobombe in der Tiefgarage, die einen 40 Meter breiten Krater in den Boden reißt.

Ein Bild und seine Geschichte

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Sechs Menschen sterben an diesem 26. Februar 1993, ungefähr 1000 werden verletzt. "Wir alle fühlen uns verletzt", sagt New Yorks damaliger Gouverneur Mario Cuomo. "Keine ausländische Macht hat uns jemals so etwas angetan. Bis jetzt waren wir unverwundbar." Diese Sicherheit ist nun verschwunden, etwas Grundlegendes hat sich verändert. Bald steht fest: Zum ersten Mal sind die Vereinigten Staaten Opfer einer Attacke islamistischer Terroristen geworden. Dieser Tag ist ein Ausgangspunkt für das, was in den nächsten zehn Jahren passieren wird: die Anschläge vom 11. September 2001, der Krieg gegen den Terror, die Invasionen in Afghanistan und im Irak.

Die Ermittler nehmen einen Täter fest, als er seine Kaution für den Lieferwagen abholen will

Das wissen die Ermittler natürlich noch nicht, als sie den Vorfall untersuchen. Kurz vermuten sie einen Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Jugoslawien, in dem die USA mitmischen. Doch damit hat die Sache nichts zu tun. Als sich die Fahnder durch den Schutt der völlig zerstörten Tiefgarage graben, finden sie den entscheidenden Hinweis: ein Fragment des Lieferwagens, der kurz vor der Explosion in die Garage gefahren ist, beladen mit 700 Kilo Harnstoffnitrat. Gemietet hat ihn ein Palästinenser namens Mohammad Salameh. Kurz vor dem Anschlag hat er das Fahrzeug als gestohlen gemeldet. Als Salameh am 4. März bei dem Autoverleih seine Kaution abholen will, nimmt ihn die Polizei fest.

World Trade Center

Wo einst die Türme der Welt standen

In seiner Wohnung entdecken die Ermittler weiteres belastendes Material: Handbücher, Werkzeuge, Chemikalien. Sie stellen außerdem fest, dass Salameh zu einem Netz islamistischer Fundamentalisten gehört. Diesem gehört auch Omar Abdel Rahman an, der "blinde Scheich". Er predigt in einer New Yorker Moschee, schart Anhänger um sich, verbreitet radikale Thesen. Im Juli wird Abdel Rahman verhaftet und später - wie die anderen Mitverschwörer - zu lebenslanger Haft verurteilt. Abdel Rahmans wichtigster Schüler ist der Kuwaiter Ramzi Yousef. Er ist der Drahtzieher des Anschlags vom 26. Februar. Er entkommt den Behörden, indem er das Land einen Tag später verlässt. Yousef hasst Amerika, weil es Israel unterstützt. So schreibt er es in einem Brief an die New York Times.

Der Drahtzieher sitzt im Gefängnis, doch seine Idee lässt sich nicht mehr einfangen

Zwei Jahre bleibt er auf freiem Fuß, dann wird Yousef in Pakistan festgenommen und ausgeliefert. Die Gerichtsverhandlung nutzt er als Bühne. Er sagt: "Ich bin ein Terrorist und ich bin stolz darauf." Er wird zu 240 Jahren Haft verurteilt. Doch seine Idee, das World Trade Center als Symbol des kapitalistischen Westens zu zerstören, lässt sich nicht mehr einfangen. Sie fügte sich nahtlos ein in die strategische Neuausrichtung, die die Organisation Al-Qaida in den folgenden Jahren vollziehen sollte.

Al-Qaida war nach dem Ende des Afghanistan-Krieges 1989 zu einer Art Sammelbecken für Islamisten auf der ganzen Welt geworden. Mitte der 90er Jahre rückten die Vereinigten Staaten verstärkt in ihr Blickfeld. Der Anführer Osama bin Laden sah in den USA den zentralen Feind, der die Muslime unterdrücke. Im Februar 1998 rief er offiziell den Heiligen Krieg aus: "Zur Pflicht eines jeden Muslims soll es werden, die Amerikaner und all ihre Verbündeten zu töten." Es häuften sich Anschläge wie die auf die US-Botschaft in Kenia und Tansania. Am 11. September 2001 krachten zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers. Diesmal hielten die Mauern nicht stand, fast 3000 Menschen wurden getötet.

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