Süddeutsche Zeitung

Ein Bild und seine Geschichte:Als die Guillotine das letzte Mal tötete

Lesezeit: 4 min

Der Zuhälter Hamida Djandoubi nimmt noch einen Schluck Rum. Dann schnellt das Fallbeil nieder - vor 40 Jahren in Marseille.

Von Lars Langenau

Hamida Djandoubi weiß, dass er sterben wird. Im Morgengrauen des 10. September 1977. Decken liegen auf dem Boden des Ganges im Gefängnis Les Baumettes in Marseille. Sie sollen die Schritte derjenigen dämpfen, die den Häftling von seiner Zelle zur Hinrichtungsstätte führen. Der 28-Jährige hat seit einem Unfall nur noch ein Bein. Für seinen letzten Weg schnallen ihm die Wärter eine Prothese an. Am Ende des Weges setzen sie Djandoubi auf einen Stuhl.

Er beschwert sich, hat Wünsche. Nur das kann er noch tun, um sein Leben um einige Minuten zu verlängern. "Wie ein Kind, das das Zubettgehen mit allen Möglichkeiten noch hinausschieben will", protokolliert danach Untersuchungsrichterin Monique Mabelly. Zwei Filterzigaretten gestehen die Beamten Djandoubi noch zu, tief zieht er den Rauch in seine Lungen. Eine dritte Zigarette verweigert ihm Scharfrichter Marcel Chevalier: "Das reicht jetzt, wir waren großzügig genug, jetzt muss langsam Schluss ein."

Der Tunesier zuckt mit den Schultern und nimmt noch einen letzten Schluck Rum. Dann entblößt ihm der Sohn und Gehilfe des Henkers den oberen Rücken. Rasch bindet man ihm die Hände auf den Rücken und stellt ihn aufrecht hin.

Die Wärter öffnen eine Tür zum Innenhof, nun ist die "Maschine" zu sehen, daneben ein großer Korb. Plötzlich geht alles sehr schnell, schreibt Mabelly. "Ich wendete meinen Blick ab. Nicht aus Angst, aber aus einer Mischung aus Instinkt und tiefempfundener Scham (ich finde kein anders Wort)."

Um 4.40 Uhr schnellt das Fallbeil nieder. "Ich hörte ein dumpfes Geräusch. Ich drehte mich herum - Blut, sehr viel Blut, sehr rotes Blut - der Körper war in einen Weidenkorb gekippt. Innerhalb einer Sekunde war ein Leben beendet. Der Mann, der noch vor weniger als einer Minute gesprochen hatte, war nichts weiter als ein blauer Pyjama in einem Korb." Mit einem Wasserschlauch wird der Platz gereinigt. Die Richterin überkommen Übelkeit und "kalte Abscheu".

Drei Jahrzehnte danach übergibt der damalige Anwalt und spätere französische Justizminister Robert Badinter ihre Aufzeichnungen der Zeitung Le Monde. Deshalb wissen wir von den letzten Minuten im Leben von Hamida Djandoubi, dem letzten Menschen, der vor 40 Jahren durch die Guillotine starb.

Der Minister preist die Guillotine als "ein Symbol der Sicherheit"

Anfang 1977 hatte ein Geschworenengericht den gebürtigen Tunesier für schuldig gesprochen. Er hatte seine junge Freundin Elisabeth Bousquet mit Gewalt in die Prostitution gezwungen. Als sie ihn anzeigte, kam er ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung nahm er grausam Rache: Djandoubi folterte seine frühere Geliebte stundenlang, dann erdrosselte er sie. Dafür wurde er zum Tode verurteilt.

Obwohl der damalige französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing persönlich eine tiefe Abneigung gegen die Todesstrafe hat, lehnt er das Gnadengesuch von Djandoubi am 9. September 1977 ab. Weniger als 24 Stunden später wird die Exekution vollzogen.

Djandoubi ist auch der letzte Mensch, der in Westeuropa hingerichtet wird. Obwohl die Todesstrafe Ende der 70er Jahre auch noch in Belgien, Luxemburg und Irland im Gesetz steht, wird sie dort schon lange nicht mehr vollstreckt.

"Für die Mehrheit unserer Mitbürger ist die Guillotine noch ein Symbol der Sicherheit. Sie ist die letzte Zuflucht angesichts der schlimmsten Verbrechen und schließlich ein Abschreckungsmittel, mithin eine präventive Maßnahme gegen die Kriminalität", sagte noch 1979 der französische Justizminister Alain Peyrefitte dem Spiegel.

Ginge es um Abschreckung, dann müssten die Hinrichtungen allerdings auch im Fernsehen gezeigt werden. Doch die letzte öffentliche Hinrichtung wurde 1937 in Versailles vollzogen. Le rasoir national, das Rasiermesser der Nation, wie die Guillotine im Volksmund hieß, enthauptete damals de n deutschen Sechsfachmörder Eugen Weidmann. Allerdings artete das Ereignis zu einem Volksfest aus - und künftig wählte man lieber einen Ort hinter Gefängnismauern, an dem die Henker ihr Handwerk verrichteten.

Erst 1981, nach dem Wahlsieg des Sozialisten François Mitterand, schafft Frankreich die Todesstrafe auf Badinters Betreiben ab. Als letztes Land der Europäischen Gemeinschaft.

Damit endete eine schauerliche Tradition, die lange zurückreichte. Der abgetrennte Kopf des Feindes war seit Jahrtausenden eine Trophäe, ein Zeichen des Sieges. In Rom galt die Enthauptung als ehrenhaft und war Bürgern des Reiches vorbehalten. Im Mittelalter hatte nur der Adel das Recht auf den Tod durch das Schwert. Bereits im dem 12. Jahrhundert gab es vereinzelte Vorläufer des Fallbeils, doch noch lange war das Köpfen mit dem Schwert oder Beil üblich.

Obwohl das Köpfen, im Vergleich zum Vierteilen, Verbrennen, Kreuzigen, als humanste Exekutionsart galt, brauchten die Henker nicht selten mehrere Hiebe. Das änderte sich mit der Französischen Revolution 1789: Die von dem französischen Arzt Joseph-Ignace Guillotin erfundene Tötungsapparatur hatte den Zweck, die Verurteilten "schmerzfrei" vom Leben in den Tod zu befördern oder zumindest das Leiden auf eine Millisekunde zu verkürzen.

Gemeinsam mit dem Pariser Henker Charles-Henri Sanson konstruierte der deutschstämmige Klavierbauer Tobias Schmidt die Köpfmaschine, bei der eine abgeschrägte, sieben Kilo schwere Stahlklinge, beschwert mit weiteren 40 Kilo, die Halswirbelsäule des Todeskandidaten durchtrennt.

Unter dem Gleichheitsanspruch der Französischen Revolution wurde die Guillotine per Dekret der Nationalversammlung zur einzigen legitimen Hinrichtungsmethode. Als erster Mensch wurde der Straßenräuber Nicolas Pelletier am 25. April 1792 mit der Guillotine hingerichtet, wenig später König Ludwig XVI., seine Gemahlin Marie Antoinette - und, als die Revolution ihre Kinder fraß, auch die Revolutionäre Danton und Robespierre. Tausende wurden auf diese Weise getötet. So wurden im Paris der Schreckensherrschaft einmal 50 Hinrichtungen in 20 Minuten vollzogen, in Rennes über Weihnachten 90 Menschen guillotiniert.

Während der Hitler-Diktatur waren 30 Guillotinen im Einsatz

Guillotin selbst war, laut seinem Biographen, niemals anwesend und schämte sich zutiefst für den Missbrauch seiner Hinrichtungsmachine, unter der auch Freunde von ihm starben. Seine Kinder nahmen später einen anderen Namen an. Doch die industrialisierte Form des Tötens wurde Exportschlager der Französischen Revolution. Selbst der Henker im Vatikan setzte auf die Neuerung.

Im Zuge der napoleonischen Kriege kam sie auch in Deutschland zum Einsatz, obwohl hier eigentlich das Handbeil bevorzugt wurde. Noch in der Weimarer Republik wurde auch mit der Axt enthauptet. Erst unter den Nazis waren dann 30 Guillotinen im Einsatz. Mehr als zehntausend Menschen ließen die Faschisten auf diese Weise hinrichten, darunter auch Widerstandskämpfer wie Sophie und Hans Scholl.

In Westdeutschland tötete am 11. Mai 1949 das Fallbeil zum letzten Mal. Kurz darauf wurde die Todesstrafe in der Bundesrepublik mit der Verabschiedung des Grundgesetzes abgeschafft, obwohl sie - rechtlich wirkungslos - noch immer in der Hessischen Landesverfassung verankert ist. In der DDR hingegen wurde noch bis 1968 mit der "Fallschwertmaschine" exekutiert, so auch der KZ-Arzt Horst Fischer. 1981 zuletzt vollstreckt, wurde die Todesstrafe 1987 auch in Ostdeutschland abgeschafft.

Weltweit allerdings wurden laut Amnesty International vergangenes Jahr offiziell mindestens 1032 Menschen im staatlichen Auftrag hingerichtet, vor allem in Iran, Saudi-Arabien, Irak und Pakistan. In den USA starben 20 Menschen. In China waren es weit mehr, aber da ist die Anzahl der Hinrichtungen Staatsgeheimnis.

Das archaische Töten im Auftrag des Staates reicht also weiter bis in die Gegenwart. Nur die Guillotine, das blutige Symbol der Französischen Revolution, steht im Museum.

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