Right Livelihood Award Alternativer Nobelpreis für syrische "Weißhelme"

Weißhelme im Einsatz nach einem Lufangriff in Aleppo.

(Foto: AP)
  • Der Right Livelihood Award, auch als Alternativer Nobelpreis bekannt, geht erstmals nach Syrien: an die Hilfsorganisation Weißhelme.
  • Außerdem werden in Stockholm die regierungskritische türkische Zeitung Cumhuriyet, die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina und die ägyptische Feministin Mozn Hassan ausgezeichnet.
  • Die Preisträger teilen sich die etwa 310 000 Euro, mit denen der Right Livelihood Award dotiert ist.
Von Silke Bigalke, Stockholm

Sie suchen die Öffentlichkeit, sie brauchen sie: Die Weißhelme, die sich offiziell "Syrischer Zivilschutz" nennen, helfen zivilen Opfern in Syrien. Es sind Freiwillige, die dorthin eilen, wohin die Bomben fallen. Sie graben Verschüttete aus, löschen Brände und versorgen Verletzte. Im Internet teilen sie die Bilder ihrer Einsätze, die Aufnahmen zeigen Weißhelme, die kleine Kinder und Babys aus Trümmern befreien. Kürzlich veröffentlichte Netflix einen Dokumentarfilm über die Helfer, sie wurden sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Einen anderen Preis hat die Hilfsgruppe nun bereits gewonnen: Die syrischen Weißhelme erhalten gemeinsam mit drei weiteren Preisträgern aus Russland, Ägypten und der Türkei den Right Livelihood Award, der auch als Alternativer Nobelpreis bekannt ist.

Der Preis zeichnet Menschen aus, die sich den "drängendsten globalen Herausforderungen" stellen. Er wird seit 1980 vergeben. Zum ersten Mal geht er in diesem Jahr nach Syrien. "Dass es selbst an diesen extremen Krisenherden beispielhafte und konkret erfolgreiche Arbeit gibt, das war besonders beeindruckend", sagt Ole von Uexküll, Direktor der Stockholmer Right Livelihood Award Stiftung, zur diesjährigen Auswahl.

Raed Saleh, Direktor des Syrischen Zivilschutzes, äußerte sich zu der Auszeichnung in New York am Rande der UN-Generalversammlung. "Die Weißhelme sind tief berührt", sagte er. Der Preis sei auch eine internationale Anerkennung für freiwillige Rettungshelfer auf der ganzen Welt und für die Tapferkeit der Zivilbevölkerung in Syrien, die versuche, ein Leben in Würde zu führen. Die Weißhelme, so Saleh, hofften darauf, dass sie bald "Rettungswerkzeuge niederlegen und die Generationenaufgabe des Wiederaufbaus in Syrien angehen können".

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Die Weißhelme teilen sich den Preis mit der ägyptischen Feministin Mozn Hassan, die die Organisation Nazra gegen sexuelle Gewalt gegründet hat, mit der Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina, die sich in Russland für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten einsetzt, und mit der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet in der Türkei. Sie alle setzen sich für Menschen- und Freiheitsrechte ein, die in ihren Ländern bedroht sind. Anders als beim Friedensnobelpreis kann jeder Vorschläge für den Right Livelihood Award einreichen. In diesem Jahr gab es 125 Nominierte aus 50 Ländern.

Früher Schneider, Bäcker, Studenten, heute Feuerwehrleute und Sanitäter

Für die Weißhelme ist Aufmerksamkeit wichtig. Sie finanzieren sich aus Spenden und setzen sich international besonders für ein wirksames Verbot von Fassbomben ein. 2900 Freiwillige zählt die Organisation, in Friedenszeiten arbeiteten sie als Schneider, Bäcker, Ingenieure, waren sie Studenten. Nun haben sie sich zu Feuerwehrleuten, Rettungskräften und Sanitätern umschulen lassen. 60 000 Menschen haben sie bereits gerettet, so steht es auf der Internetseite der Zivilschutzorganisation. 141 der Weißhelme haben bereits ihr Leben dabei verloren, andere zu retten. "Jeder kennt die Wahrheit über Syrien", lautet ein Zitat aus der Netflix-Dokumentation. "Aber keiner kann das Töten stoppen."

Weil die Gruppe Unterstützung aus dem Westen erhält, beschimpfen Kritiker sie als Propagandatruppe. Das stimme ebenso wenig wie die Behauptung, dass die Gruppe mit Terroristen kooperiere, sagt Ole von Uexküll. "Wir haben das sehr genau recherchiert und haben mit vielen Menschen gesprochen, die die Lage in Syrien sehr gut beurteilen können. Wir haben uns auseinandergesetzt mit diesen inhaltsleeren Vorwürfen."

Mitarbeiter von Stiftung und Jury haben Vertreter der Weißhelme vor einigen Wochen in Istanbul getroffen, um mehr über die Organisation zu erfahren. Nach Istanbul musste die Stiftung nach dem Putschversuch im Juli ohnehin, um einen weiteren Nominierten zu besuchen: Die Redaktion der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet. Sie stand seit Jahren auf der Kandidatenliste für den Alternativen Nobelpreis, immer wieder sind Journalisten der Zeitung unter Druck gesetzt worden.

Zuletzt saßen der Chefredakteur Can Dündar und der Ankara-Korrespondent Erdem Gül in Istanbul in Haft. Sie hatten über Waffentransporte des Geheimdienstes MİT nach Syrien berichtet, ihnen wurde unter anderem Spionage vorgeworfen. Im Mai verurteilte ein Gericht Dündar in erster Instanz zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft, vor dem Gerichtsgebäude entging er knapp einem Mordanschlag. Er legte Berufung ein, verließ das Land und ist inzwischen als Chefredakteur zurückgetreten. "Es ist besonders beeindruckend vor diesem Hintergrund, dass die anderen die Arbeit weitermachen", sagt Ole von Uexküll mit Blick auf die Cumhuriyet-Redaktion. Der Preis gehe daher an die gesamte Zeitung. Die Auszeichnung könnte als Signal an die Erdogan-Regierung gedeutet werden.

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Anders als üblich gibt es dieses Mal keinen Ehrenpreis, der nicht dotiert wäre. Die vier Preisträger teilen sich das Preisgeld von insgesamt drei Millionen Kronen, etwa 315.000 Euro. Sie alle bräuchten die finanzielle Unterstützung, erklärt von Uexküll. Die Preisverleihung ist für Ende November geplant.