Flüchtlingshilfe An den Til Schweigers ein Beispiel nehmen

Eine ehrenamtliche Helferin kümmert sich um die Kinderbetreuung in einem Münchner Flüchtlingsheim

(Foto: Robert Haas)

Freiwillige Helfer unterstützen den Staat - zuletzt besonders bei der Hilfe für Flüchtlinge. Was sagt das über den Staat aus?

Kommentar von Thomas Hahn

Die neuesten Nachrichten zum Thema Flüchtlingshilfe bestimmt Til Schweiger, ein sogenannter Kino-Star. Mit einem Privatbetreiber will er eine ehemalige Kaserne in Osterode zum Vorzeige-Flüchtlingsheim ausbauen. Toll. Oder doch nicht so toll? Geschieht hier vielleicht sogar zu viel des Guten, wenn ein Schweiger sein Geld und seinen Namen verwendet, um Hilfen zu leisten, die der Staat nicht leisten kann?

Die Frage ist eigentlich traurig, wenn man die Not der Flüchtlinge bedenkt. Das Projekt sieht schließlich keine Luxussuiten vor, es ist genauso gesetzlichen Vorgaben unterworfen wie alle anderen auch. Und wenn Schweiger es ernst meint mit seinem Vorhaben, eine Unterkunft mit Sportplätzen und Werkstätten entstehen zu lassen - dann können die Flüchtlinge bei ihm tatsächlich etwas finden, das ihnen oft fehlt, wenn sie auf ihren nächsten Status warten: Beschäftigung. Freuen sollte man sich also über das ehrenamtliche Engagement des Schauspielers.

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Wie lang reichen die Kräfte dieser Leute noch?

Andererseits kann man sich auch die Frage stellen, ob der Schauspieler und Regisseur Schweiger hier nicht eine Verantwortung übernimmt, die eigentlich der Staat tragen müsste. Ob der Staat sich nicht überhaupt zu sehr auf den Schultern jener Bürger abstützt, die sich im gesellschaftlichen Leben einbringen, ohne dafür irgendwas haben zu wollen.

Tatsache ist, wenn die Ehrenamtlichen sich morgen die Freiheit nehmen würden, nicht mehr unentgeltlich in Vereinen und Initiativen mitzumachen, könnte der Staat so viele Gesetze machen, wie er mag: Dann würde Stillstand einkehren an vielen Ecken. Beim Sport, in der Kultur, in der Lebensrettung - und auch in der Flüchtlingshilfe. Die Hilfsbereitschaft der Deutschen ist enorm. Die Aktion des Medienmenschen Schweiger ist im Grunde nur ein prominentes Beispiel für eine mächtige Bürgerbewegung der Selbstlosigkeit.

Viele Privatleute hadern nicht lange, geben Deutschkurse, veranstalten Fußballspiele, sammeln Sachen für die Ankömmlinge aus den Bürgerkriegsländern. Sie kümmern sich einfach. Sie prägen die deutsche Willkommenskultur mit einer Herzlichkeit, die unbezahlbar ist. Fast kann man sagen, dass sie wettmachen, was der Staat bei den Flüchtlingen an Ängsten und Frustrationen schürt, wenn er sie eiskalt gegen die Mauern seiner Regeln prallen lässt.

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Aber wie lang reichen die Kräfte dieser Leute noch? Wie lange können sie es sich noch leisten, ihre Freizeit zu opfern, um die Lücken zu stopfen, die der Staat in Flüchtlingsfragen lässt, gerade bei der Erwachsenenbildung? Der Staat muss verstehen, dass er keinen Anspruch hat auf die Herzenswärme seiner Bürger. Sie kann sich auch verbrauchen, wenn er zu verschwenderisch damit umgeht. Und deshalb gehört es zu den großen Herausforderungen der staatlichen Flüchtlingshilfe, ein System zu finden, das die Willigen einbindet und schont zugleich.

Die Ehrenamtlichen können aus der Leidenschaft für Mitmenschen heraus agieren, der Staat dagegen muss auch unromantische Zusammenhänge im Blick haben. Damit gewinnt man selten Sympathie-Punkte. Aber bei den Ehrenamtlichen darf nicht der Eindruck entstehen, als interessiere sich der Staat nur für sie, weil er einen Teil seiner Verantwortung auf sie abwälzen kann. Die Politik ist gefragt. Sie muss sich noch freier machen von der Frage, was alles nicht geht, wenn sie über Integration nachdenkt. Und sie muss den Ehrenamtlichen Unterstützung geben, damit diese ihre Energien sinnvoll einsetzen können.

Flüchtlingshilfe funktioniert nur dann, wenn der Staat sie so moderiert, dass seine Ehrenamtlichen einen Sinn in ihrer Arbeit sehen. Sie dürfen sich nicht ausgebeutet fühlen von entfernten Politikern, die Leistungen für selbstverständlich nehmen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind.

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