Ehemaliger Präsidentschaftskandidat:Bernie Sanders startet neue Aktivisten-Bewegung

Ehemaliger Präsidentschaftskandidat: Bernie Sanders während seines Parteitagauftritts im Juli.

Bernie Sanders während seines Parteitagauftritts im Juli.

(Foto: AP)
  • Bernie Sanders will mit "Our Revolution" seine Anhänger zu Aktivisten für linke Themen und Kandidaten machen.
  • Es gibt jedoch Unstimmigkeiten: Ein Teil der Mitarbeiter hat bereits gekündigt.
  • Sie kritisieren die Besetzung des Chefpostens und befürchten eine Öffnung für Großspender.

Von Johannes Kuhn, New Orleans

Seit dem Parteitag der Demokraten war es ruhig um Bernie Sanders geworden: Dort versprach er im Juli seiner Gegnerin Hillary Clinton Unterstützung im Wahlkampf, kündigte aber zugleich an, seine Parteizugehörigkeit wieder von "Demokrat" in "unabhängig" zu ändern.

Das Ende der Kandidatur bedeutet jedoch nicht das Ende der Sanders-Bewegung: Sowohl Clinton, als auch die Grünen-Präsidentschaftskandidatin Jill Stein buhlen um die vielen jungen Anhänger des Senators aus Vermont. Selbst Donald Trump macht Avancen an das #BernieOrBust-Lager der Hardcore-Sanderistas, ohne dabei allerdings auf besonders offene Ohren zu stoßen.

Hinter den Kulissen arbeitete jedoch Sanders selbst daran, seinen gut organisierten und motivierten Anhängern eine neue Mission zu geben. Am Mittwoch, wenige Wochen vor seinem 75. Geburtstag, stellte der Politiker dann "Our Revolution" vor.

Für Veränderungen "in Schulgremien, Stadträten, Volksvertretungen der Bundesstaaten" werde die Graswurzel-Organisation eintreten, versprach Sanders. Zudem sollen Volksabstimmungen mit progressiven Ideen vorangetrieben werden. Anhänger verfolgten auf mehr als 2500 Privatpartys im ganzen Land die Ankündigung.

Unterstützung linker Kandidaten und Themen

Konkret geht es darum, Themen und Kandidaten links des Demokraten-Mainstreams zu unterstützen - den linken Flügel hatte die Partei bis zu Sanders' Aufstieg immer mehr vernachlässigt.

Erstes Ziel ist eine Verhinderung des Transpazifischen Freihandelsabkommens (TPP). Der wichtigste Name auf der Liste der unterstützten Kandidaten ist derzeit Tim Canova, der in Florida den Repräsentantenhaus-Sitz der ehemaligen Parteivorsitzenden Debbie Wasserman Schultz ergattern möchte - jener Politikerin also, die wegen ihrer Anti-Sanders-Machenschaften noch vor dem Parteitag zurücktreten musste.

Doch dass Canova wenige Tage vor den Vorwahlen in Umfragen deutlich zurückliegt und sich über mangelnde Unterstützung beklagt, ist für Sanders das geringste Problem. Acht Mitarbeiter von "Our Revolution" warfen schon vor der Ankündigung das Handtuch - das soll mehr als die Hälfte der Belegschaft sein.

Die Kündigungen sind offenbar eine Reaktion auf die jüngst erfolgte Ernennung von Jeff Weaver zum Leiter der Organisation. Weaver, seit Jahrzehnten ein Vertrauter des Ehepaars Sanders, führte bereits die Präsidentschaftskampagne und galt Berichten zufolge gerade bei jungen Mitarbeitern als beratungsresistent und strategisch umstritten.

Weaver werden strategische Fehler im Wahlkampf vorgeworfen - so gab er beispielsweise kein Geld für die Kampagnen in der afroamerikanischen Wählerschaft frei, die dann für Clinton stimmte. Auch galt er als rachsüchtig, heißt es in der New York Times. Dass Weaver im Juli angekündigt hatte, der Clinton-Kampagne bei der Wähler-Mobilisierung zu helfen, dürfte dem Misstrauen durchaus zuträglich gewesen sein.

"Alle von uns, die vom Wahlkampfteam zu 'Our Revolution' wechselten, haben das aufgrund des Versprechens getan, dass Jeff Weaver nicht involviert ist oder seine Rolle sehr beschränkt sein wird", so Claire Sandberg, eine der abgesprungenen Mitarbeiterinnen, im Gespräch mit dem Aktivisten-Medium Democracy Now.

Ex-Mitarbeiter schüren Zweifel an der Mission

Der nun geäußerte Vorwurf aus dem Kreis der Ex-Mitarbeiter: Weaver will womöglich nicht mehr nur auf Kleinspenden zurückgreifen. Die gewählte Rechtsform von "Our Revolution", die unter der Abkürzung 501(c)(4) firmiert, wird gerade von konservativen Einflussgruppen für verdeckte Unterstützung verwendet. Sie erlaubt theoretisch unbegrenzte Spendenbeträge und sorgt dafür, dass die Namen der Unterstützer geheim bleiben können.

Damit verkörpert sie also theoretisch die offene Tür für jene "riesigen Haufen geheim gehaltenen Geldes", gegen die Sanders im Wahlkampf wetterte. Der Senator selbst erklärte am Donnerstag, er favorisiere kleine Beträge und Transparenz über die Identität der Spender, es sei aber bislang noch keine Entscheidung getroffen worden. Eine genaue Festlegung ethischer Richtlinien in der Spendenarbeit würde Klarheit bringen.

Die Rechtsform ist in der Praxis auch deshalb eine Hürde, weil sie die direkte Koordination von "Our Revolution" mit den Wahlkampf-Teams verbietet. Dies macht die Graswurzel-Mobilisierung von Aktivisten kompliziert. Als aktiver Mandatsträger kommt der Senator aus Vermont zudem schnell in rechtliche Grauzonen, wenn er sich über "Our Revolution" engagiert, wie Experten anmerken. "Es stellt sich die Frage, ob Bernie überhaupt als ein Sprecher oder Versender einer E-Mail auftreten könnte", so Ex-Mitarbeiterin Sandberg.

Entsprechend nimmt Sanders keine offizielle Rolle in der Organisation ein. Derzeit arbeitet der Senator an einem Buch, das am 15. November in den USA erscheinen soll. Der Titel: "Our Revolution".

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