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Ehemalige Politiker:Schlechter Rat ist billig

Genscher of the liberal Free Democratic Party (FDP) speaks during an election rally of FDP top candidate for the upcoming general elections, Bruederle, in Frankfurt

Hans-Dietrich Genscher

(Foto: REUTERS)

Nach der Wahl erklären, was vor der Wahl falsch gelaufen ist. FDP-Veteran Hans-Dietrich Genscher verteilt in einem Interview ordentlich Kritik an die Spitzen seiner Partei. Hilfreich sind seine Worte nicht, im Gegenteil.

Hans-Dietrich Genscher hat ein Interview gegeben. Oh, Genscher, das liest man natürlich. Unbestreitbare Verdienste, Entspannungspolitik, Wiedervereinigung, kurz: ein großer Staatsmann. Gefragt wurde Genscher vom Spiegel aber verständlicherweise vor allem als Liberaler, jetzt, da die FDP nicht mehr im Bundestag sitzt. Herausgekommen ist ein Gespräch, das eines Hans-Dietrich Genscher unwürdig ist: besserwisserisch und selbstgefällig, widersprüchlich und stillos.

Ruhestand ist kein Grund, den Mund zu halten. Gerade in Zeiten von Niederlage und Krise kann eine Partei Autoritäten brauchen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen. So möchte Genscher bestimmt verstanden werden. Und gewiss auch Joschka Fischer, der ja ein mindestens so großer Staatsmann war, und den Grünen und seinem langjährigen Bekannten Jürgen Trittin ebenfalls nach der Wahl erläuterte, was vorher falsch lief. So wie sich Genscher und Fischer dabei präsentieren, kommen die Worte der großen Alten aber eher als Mäkelei daher, mit der sie sich selbst keinen Gefallen tun.

Das Urteil von Ehemaligen einzuholen, ist beliebt. Im Idealfall haben Veteranen Überblick und Erfahrung, sie können historisch einordnen und Aufregung relativieren. Sie kommentieren unabhängig, sie können Gedanken aussprechen, die aktive Politiker kaum zu denken wagen, und Richtungen weisen, vor denen andere krampfhaft die Augen verschließen. Am hilfreichsten ist ein Ehemaliger allerdings, wenn er seinen Rat, den er im Status der Freiheit von politischer Verantwortung erteilt, vorher an seiner persönlichen Kenntnis dessen misst, was es heißt, in politischer Verantwortung zu stehen.

Es fehlt die respektvolle Art der Einmischung

Es gibt dafür gute Beispiele wie den früheren SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel, dessen respektvolle Art der Einmischung ihm in der Partei auch stets mit Respekt honoriert wird. Oder die ehemaligen CDU-Politiker Heiner Geißler und Norbert Blüm, die harte Kritik nicht scheuen, sich aber meist für eine Überzeugung einsetzen. Ohnehin sind Volksparteien traditionell besser darin geübt, abweichende Kritik auszuhalten: Weil es unter den Jetzigen schon viele unterschiedliche Meinungen gibt, sind die Ehemaligen hier nur ein Teil des Ganzen.

In kleinen Parteien mit weniger profiliertem Personal ist das anders. Die Grünen sehen zwar nach dieser Wahl ziemlich alt aus, sind aber eine junge Partei, bei der sich der Begriff des prominenten Veteranen kaum im Plural verwenden lässt. Fischer ist noch als Ehemaliger das, was er auch als Aktiver war: ein Solitär. Seine Kritik am Wahlkampf wirkt so unangebracht, weil er das Kapitel Grüne einst und eindeutig für abgeschlossen erklärt hatte. Geradezu vorbildlich hatte sich Fischer nicht nur rechtzeitig zurückgezogen, sondern auch seine Worte von 2005 beherzigt: Nun müssen Jüngere ran.

Jetzt plötzlich bricht er sein Schweigen. Wenn es ihm wirklich um die Grünen gegangen wäre, hätte er sich vorher einschalten müssen. Im Nachhinein zu erfahren, dass er es schon die ganze Zeit gewusst hat, hilft ja niemandem - allenfalls der Erinnerung daran, was für ein toller Kerl er doch war. Aber will man einem wie Fischer wirklich Eitelkeit unterstellen?

In der FDP sind die Ehemaligen oft begehrter als die Aktiven

Die FDP hat sich schon in der Ära Westerwelle zu einer Partei mit ungewöhnlichem polit-demografischen Aufbau entwickelt. Weil sie so einseitig auf den Vorsitzenden zugeschnitten war, blieben zur Abwechslung nur die Altvorderen: Hildegard Hamm-Brücher bis zu ihrem Austritt, Gerhart Baum und Burkhard Hirsch bis heute, zu Lebzeiten auch Otto Graf Lambsdorff und mittlerweile gerne Wolfgang Gerhardt. In der FDP sind die Ehemaligen oft begehrter als die Aktiven. Genscher ist insofern ein besonderer Fall. Denn er war ja bis zuletzt in vieles eingebunden. Als Orakel von Halle wurde er von den eigenen Leuten konsultiert und auf vielen Podien hofiert.

Philipp Rösler war nicht der richtige FDP-Chef. Aber er hatte nicht nur kein Glück, es kam auch noch Genscher dazu. Kaum jemand in der FDP hat sich wiederholt so demonstrativ von Rösler distanziert wie Genscher, gerne gemeinsam mit seinem politischen Ziehenkel Christian Lindner. Wie Genscher nun dessen Rücktritt als Generalsekretär zur Heldentat stilisiert, ist schon eine beachtliche Geschichtsklitterung. Dass aber ausgerechnet Genscher auch noch die Zweitstimmenkampagne der FDP als "unwürdig" verdammt, ist ein dolles Ding. Es war ja nicht nur Genscher, der 1980 mit dem Satz, wer FDP wähle, garantiere, dass Helmut Schmidt Kanzler bleibe, ein Vorbild schuf. Es war auch er, der dieses Wort 1982 brach. Da kann Philipp Rösler wirklich von Glück reden, dass er auf Genschers Erfahrung nun verzichten kann.