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Ehe und Familie:Ungehemmte Selbstversorgung

Dauerhafte Ehen sind eine Einschränkung der Wahlfreiheit. Jede Festlegung engt sie ein. Wahlfreiheit wird als höchste Form der Freiheit ausgegeben. Ehen werden nicht auf Lebenszeit geschlossen, sondern nur noch, "bis etwas Besseres" kommt. Deshalb wandelt sich die dauerhafte Ehe "bis der Tod euch scheidet" in eine vorübergehende Lebensabschnittspartnerschaft mit relativ geringem Kündigungsschutz. Jedenfalls einem geringeren als im Miet- und Arbeitsrecht. "Zerrüttung" reicht als Auflösungsgrund. Dafür ist nur der Nachweis einer erfolgreich absolvierten Trennungszeit erforderlich. Unser Scheidungsrecht braucht also in Sachen Hemmungslosigkeit keinen Vergleich zu scheuen. Leichter geht's nicht mehr.

Die okzidentale Monogamie gleicht sich an die orientalische Polygamie an. Was in der orientalischen Variante zeitgleich organisiert ist, wird in der okzidentalen in einer Zeitreihe untergebracht. An die Stelle des morgenländischen Nebeneinanders der Ehepartner tritt das neue abendländische Nacheinander der Lebensabschnittsgefährten. Das westliche Modell ist überdies noch geschlechtsneutral, es steht auch Frauen zur Verfügung.

Der Ratio der vorübergehenden Ehe entspricht die Opportunität, die Güter der Partner in der Ehe getrennt zu halten. Dass Eheeinkommen vergemeinschaftete Einkommen sind, ist bei vereinten Ich-AGs nicht vorgesehen. Wer in der Ehe mehr für die Ehegemeinschaft als für den Erwerb gearbeitet hat, ist im Fall der Scheidung der oder die Dumme. "Fortschrittliche" Heiratswillige nehmen deshalb gescheiterweise vor der Ehe das Ende vertraglich voraus und sichern sich ihre wechselseitigen Ansprüche ab. Ohne Rechtsanwalt am Anfang und Ende läuft für den nutznießenden Homo oeconomicus auch in der Liebe nichts.

Im Zeitalter der ungehemmten Selbstversorgung ist Arbeit für andere und gar ohne Lohn, wie sie in jeder Familie geleistet wird, nicht mehr vorgesehen. Es zählt nur die Arbeit für Geld und für sich. Für die Ehefrau, die aus ehelicher Uneigennützigkeit zum Beispiel dem Mann das Studium bezahlte, mit dessen Hilfe sich dieser später ein Spitzeneinkommen verschaffte, bleibt nach der Trennung ein "Vergelt's Gott" als überirdischer Trost. Eheliche Nachhaltigkeit kennt Nachwirkung nach der Ehe nur im bescheidenen Maße an, gleichsam als Überbrückungshilfe "in das eigentliche Leben", das Erwerb heißt. Darauf zielt jedenfalls das neue gesetzliche Eherecht.