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Ehe:Trau dich

Es wird wieder mehr geheiratet in Deutschland. In unsicheren Zeiten wächst die Sehnsucht nach Stabilität.

Für die Eheleute sollte eine Heirat einer der schönsten und wichtigsten Tage im Leben sein. Für die Profis drum herum ist es vor allem ein Geschäft. Im deutschsprachigen Raum findet jedes Wochenende auf irgendeinem Messegelände eine Leistungsschau für Heiratswillige statt, meistens sind es sogar mehrere Hochzeitsmessen. Allein an diesem Wochenende in Wien, Kiel, Schwenningen, dazu Mannheim, Bad Tölz und Stade. Mittlerweile weit mehr als hundert pro Jahr.

Wer sich mit dem Thema befasst, wird auch im Zeitschriften-Regal fündig, wo kaum ein Hochglanz-Heirats-Magazin unter zehn Euro zu haben ist. Thematisch sind diese Zeitschriften stark eingeschränkt, so lauten die Titelthemen der aktuellen Hochzeit: "Fashion & Styles", "Geschenke-Spezial" und "Fotos vom Profi". Auch das Modemagazin Elle bringt zweimal im Jahr ein Sonderheft namens "Hochzeit" heraus, das, zusammengeschweißt mit dem Hauptheft, für stabile Auflagen sorgen soll. Geheiratet wird ja immer. Und in Deutschland sogar immer mehr. Die Zahl der Eheschließungen stieg von 373 655 im Jahr 2013 auf 400 115 im Jahr 2015. Die Mode-Experten der Elle raten derzeit übrigens zum leichten Kleid mit transparenter Seide und Spitze. Das kostet zwar dreitausend Euro und mehr, es darf aber ruhig dem Zeitgeist huldigen, da es selten vorkommt, dass ein solches Kleid noch mal angezogen wird und modisch überdauern muss.

Wenn es irgendeinen Lebensbereich gibt, an dem nicht gespart wird, dann ist es die Hochzeit. Niemand soll hungrig oder durstig nach Hause gehen, und die Rechnung geht auch heute noch häufig an den Vater der Braut, daran haben 40 Jahre Kampf um die Gleichberechtigung nicht viel geändert.

Apropos Gleichberechtigung. Das Erste, was ein künftiger Bräutigam lernt, nachdem er um die Hand einer Frau angehalten hat: geheiratet wird für die Braut. Denn während der Mann sich mit der Eheschließung meist nur vom Zeitpunkt des Antrags bis zum Moment des Ja-Sagens beschäftigt, ist manche Frau seit ihrer frühen Kindheit mit Ideen, Planung und der Inszenierung ihrer Hochzeit befasst. Daher auch die vielen Magazine, die lange vor der Heirat konsultiert werden, manchmal auch, ohne dass der dazugehörige Partner schon gefunden wäre. Während die Frau also bereits Jahre damit verbracht hat, eine perfekte Zeremonie zu gestalten, kommt der Mann kurz vor knapp dazu und ist gut damit beraten, seine Ideen zaghaft und liebevoll einzubringen. Und nie beleidigt zu sein, wenn diese nicht ins Konzept passen. Denn, neue Ideen, lässig von der Seite eingeworfen, wirken auf die Frau wie Ratschläge von schmerbäuchigen Fans vom Rand eines Fußballfeldes auf hochtrainierte Bundesliga-Profis.

Aber warum wird so viel geheiratet? Auch die Geburtenraten stiegen nach Jahren der Stagnation und des Rückgangs sowohl 2014 wie auch 2015 wieder an. In unsicheren Zeiten richten sich viele Menschen im Privaten ein. Sie bauen sich ihre eigene heile Welt im Kleinen, um gegen das Chaos im Großen gewappnet zu sein. In der Krise werden die Menschen zu Ja-Sagern.

© SZ vom 04.02.2017

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