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Ehe für alle:Die Abgrenzungsdebatten sind noch lange nicht vorbei

Die Zweifelsfälle des Zusammenlebens werden allerdings nicht verschwinden. Die Ehe für alle ist eben nicht für alle, sondern auf Zweierbeziehungen nicht verwandter Menschen begrenzt. Die Fragen werden kommen: Warum soll nicht das Brüderpaar heiraten und sich um adoptierte Kinder kümmern? Warum nicht die beiden lesbischen Frauen und der Mann, der biologischer Vater ihres Kindes ist - und wenn ja, warum nicht der Muslim und seine beiden Frauen?

Die Abgrenzungsdebatten und die Frage, was denn nun die Natur der Ehe ist, wird auch die "Ehe für alle" nicht loswerden. Es werden sich die Debatten verschärfen, die schon jetzt ums Kinderkriegen jenseits der natürlichen Zeugung kreisen: Ist es gut, um jeden Preis ein Kind zu wollen, per Adoption auf grauen Wegen, über die Qual der künstlichen Befruchtung, indem sich ein reiches schwules Paar eine arme Leihmutter aus Indien besorgt?

Verfassungsgericht soll Ehe für alle prüfen

Vielfältige Gesellschaften sind komplizierte Gesellschaften, auch daher rührt das Unbehagen mancher Menschen an der Ehe für alle. Man sollte dies nicht einfach als reaktionär abtun. Und ja, es sollte auch das Verfassungsgericht die Ehe für alle prüfen; schon allein um der Rechtssicherheit willen, die solche Verbindungen brauchen.

Vor allem aber wird sich verstärkt zeigen: Je weniger der Staat definieren kann, was die Ehe ist, um so stärker wird die Leere spürbar sein, die dieser Rückzug bewirkt. Seit 40 Jahren maßt sich der Gesetzgeber nicht mehr an, den Schuldigen an einer Trennung zu benennen; nun verzichtet er darauf, die sexuelle Orientierung zum Kriterium dafür zu nehmen, ob zwei Menschen heiraten dürfen oder nicht.

Er beschränkt sich nun darauf, einen Rechtsrahmen zu setzen, der die Finanzen klärt, den Schwächeren vor dem Stärkeren schützt und Regeln fürs Auseinandergehen aufstellt. Der Staat kann diesen Rahmen im Grunde gar nicht füllen. Seine Repräsentanten können von Treue, Verlässlichkeit und dem "Ja" zum Kind reden. Sie können dies alles weder verlangen noch produzieren. Den Rahmen füllen müssen andere. Vor allem: die Eheleute selber - egal, ob homo- oder heterosexuell.

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