Politik in Frankreich:Mein Freund, der Konkurrent

Politik in Frankreich: Er wolle ein "neues politisches Angebot" schaffen, sagt Édouard Philippe. Das erinnert stark an Emmanuel Macron.

Er wolle ein "neues politisches Angebot" schaffen, sagt Édouard Philippe. Das erinnert stark an Emmanuel Macron.

(Foto: Joel Saget/AFP)

Frankreichs beliebtester Politiker Édouard Philippe hat eine neue Partei gegründet. Warum Macrons Verbündete das eine gute Nachricht nennen und was das über die politische Unübersichtlichkeit des Landes sagt.

Von Nadia Pantel, Paris

Erfolgreiche Freunde sollte man gut im Blick behalten. Vor allen Dingen, wenn sie beliebter sind als man selbst. Und so fuhr am Samstag das Führungspersonal der französischen Regierungspartei La République en Marche (LREM) nach Le Havre und applaudierte Édouard Philippe. Der 50-jährige Philippe ist zum einen einer der beliebteste Politiker Frankreichs, zum anderen ist er kein Mitglied von LREM. Von 2017 bis 2020 war Édouard Philippe Premierminister, davor und danach Bürgermeister von Le Havre. Am Samstag stellte er vor 3000 geladenen Gästen, darunter viele konservative Bürgermeister und Lokalpolitiker, seine neue Partei vor. Der Name: "Horizons". Denn Frankreich brauche, so Philippe, "Weitblick bis 2050". Die Linie: konservativ-liberal. Und im Gegensatz zu Macrons aktueller Politik des offenen Geldbeutels plädiert Philippe für die Rückkehr zur Sparsamkeit. Für eine Rente ab 67 und für einen Abbau der Staatsschulden.

Betrachtet man die wachsende Unübersichtlichkeit der französischen Politik, wirkt es nicht, als sei eine weitere Partei aus Wählersicht zwingend erforderlich. Aus machtstrategischer Sicht, also aus der Perspektive Philippes, sieht das schon anders aus. Gerade weil die Wähler ihre feste parteipolitische Verankerung verloren haben, entstehen so viele neue Formationen. Er wolle ein "neues politisches Angebot" schaffen, sagt Philippe und verwendet dabei dieselbe Formulierung wie Macron schon 2017.

Damals füllte Macron die Lücke, die entstanden war, weil die Sozialisten durch ihren scheidenden, ungewöhnlich glücklosen Präsidenten François Hollande kaum noch aufrecht gehen konnten. Und weil die konservativen Républicains mit dem affären-satten François Fillon die Stichwahl verpassten. Das Parteiensystem ist überholt, erklärte Macron damals. Vier Jahre später hat Macron unbestreitbar präsidiales Format bewiesen, doch die Zersplitterung des Parteienlandschaft hat er nicht aufgehalten. Im Gegenteil: Er bleibt ihr Symbol. Als ein Präsident ohne Partei.

Was er nicht will: einen Online-Mitmach-Verein

Und so steht Édouard Philippes neue Partei für zweierlei. Zum einen für die Schwäche seiner Konkurrenten: Macron ist auf neue Partner angewiesen ist, um erneut die Wahl zu gewinnen. Und die Républicains, die Ex-Partei des konservativen Philippe, könnten vor der Auflösung stehen, wenn sie 2022 wieder an der ersten Wahlrunde scheitern. Zum anderen zeigt Philippe die Leichtigkeit, mit der sich politische Bewegungen heute gründen lassen. Und mit der sie sich auch wieder auflösen können. Zwar legt Philippe Wert darauf, dass er eine Partei mit klaren Hierarchien gründen will und keinen Online-Mitmach-Verein wie Macrons Bewegung LREM. Doch seine Partei wird nicht auf der großen Identifikation ihrer Mitglieder beruhen oder auf einer unverwechselbaren programmatischen Linie. Sie wird, genau wie LREM oder auf der Linken Jean-Luc Mélenchons "France Insoumise", davon leben, dass ein Mann sich als klarer Anführer begreift und eine Struktur braucht, die es ihm ermöglicht, Wahlen zu gewinnen. Frauen, die sich auf diese Art und Weise eine Partei basteln, kennt Frankreich bislang nicht.

Auch wenn Philippes Partei auf lange Sicht eine disruptive Kraft entwickeln könnte, seine durchgehend hohen Beliebtheitswerte erzählen von etwas eher Unspektakulärem: davon, dass Politiker aus denselben Gründen beliebt sein können wie alle anderen Menschen auch. Philippe gilt nicht als bester Redner der Republik, als Premierminister fiel er nicht mit visionären Manövern auf. Der konservative Politiker ist beliebt, weil er als integer gilt, als geradlinig und souverän. Philippe hat zudem das Glück, dass ein Schulfreund von ihm seit 2014 eine sehr wohlwollende Langzeitdokumentation über ihn dreht. "Mon pote de droite", mein Kumpel von der Rechten, heißen die drei Filme, in denen man Philippe boxen, reden, summen und ständig essen sieht. Die Filme zeigen einen fleißigen, freundlichen, humorfähigen Mann.

Sein Bart wurde mit jeder Rede weißer

Die Zuneigung für Édouard Philippe wuchs, als die Zuversicht der Franzosen schrumpfte. Frühjahr 2020: Präsident Emmanuel Macron sprach davon, dass das Land sich im Krieg gegen das Coronavirus befinde, und verhängte eine der strengsten Ausgangssperren Europas. Für alles Erklärende war dann Philippe zuständig. Und auch für die guten Nachrichten wie für das Verkünden des schrittweisen Endes des Lockdowns. Zudem wollte es der Zufall, dass Philippes Bart gleichzeitig mit dem Ausbruch der Pandemie seine Farbe änderte. Als sei der Premierminister von der Last der Verantwortung in einen gealterten Staatsmann verwandelt worden, wurde sein Bart mit jeder Rede weißer. Irgendwann stellte Philippe dann klar, dass das neue Weiß schlicht an einer Pigmentstörung liegt. Philippe war an Vitiligo erkrankt.

Als das gewohnte Leben im Juni 2020 langsam wieder losging, sagten 50 Prozent der Franzosen, sie seien mit ihrem Premierminister Philippe zufrieden, über ihren Präsidenten Macron sagten das nur 38 Prozent der Befragten. Und genau in diesem Moment, als Philippe sich als stiller Steuermann der Krise etabliert hatte, musste er gehen. Am 3. Juli 2020 wurde Philippe als Premierminister durch Jean Castex ersetzt. Seitdem haben weder Philippe und Macron auch nur ein einziges schlechtes Wort übereinander verloren, doch das Gerücht hält sich, dass Macron sich von Philippes Erfolg bedroht fühlte.

Philippes neue Partei ist für Macron nun zunächst tatsächlich eher Unterstützung denn Angriff. Der Ex-Premier wird seine Anhänger dazu aufrufen, im April 2022 Macron zu wählen. Im Gegenzug dürfte er bei den Parlamentswahlen im Juni 2022 versuchen, vorige LREM-Wähler für seine Partei zu gewinnen. Philippes Partei wird dann zu dem Bündnis gehören, das Macron stützt. Aus der Position des Partners und Parteichefs heraus könnte Philippe dann sein eigenes Projekt vorbereiten. Zum Beispiel die Präsidentschaftswahl 2027. Auch wenn er sagt, es sei "absurd", jetzt von 2027 zu sprechen, schreibt er auf Twitter, man müsse "weit vorausblicken, um Gutes zu erreichen".

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