bedeckt München 17°
vgwortpixel

Diplomatie:Edmund F. Dräcker - das deutsche Phantom

DAS PHANTOM VON BONN

Filmszene aus "Das Phantom von Bonn" mit Hermann Lause (rechts) als Edmund F. Dräcker.

(Foto: mauritius images / United Archiv)

Was hat es auf sich mit Edmund F. Dräcker, dem erfundenen Diplomaten für besondere Aufgaben, der schon lange durch die internationale Politik geistert?

Der Spiegel nannte Edmund Friedemann Dräcker bereits 1967 "gewiß die geheimnisvollste Persönlichkeit, die Deutschlands Diplomatie je hervorgebracht hat". Das macht hellhörig.

Wer Genaueres über den Gepriesenen wissen will, der wird zunächst einmal, nein, nicht im Internet recherchieren, sondern klassischer zum "Biographischen Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes" von 2000 greifen. In der Tat: Dort landet man unter D einen Treffer.

Der Gesuchte kam demnach 1888 in Suleyken zur Welt und starb angeblich erst mit 101 Jahren. Angeblich deshalb, weil hinter dem Todesjahr 1989 ein kleines, aber nicht unerhebliches Fragezeichen steht. Heißt das, der Diplomat, der nach 1945 stets mit "Edmund F. Dräcker" unterzeichnete und 1953 in den gesetzlichen Ruhestand trat, um fortan ein geheimnisumwittertes Leben im diplomatischen Unruhezustand rund um den Globus zu führen, lebt möglicherweise noch?

Zuzutrauen wäre es ihm, zu dessen Eigentümlichkeiten neben einem extravaganten Englisch ("We Germans are always heavy on the wire") es gehörte, alle Spuren zu verwischen, um dann wie Phoenix aus der Asche erneut von sich reden zu machen.

Galt er doch nach einem Sonderauftrag, der ihn 1959 nach Beirut geführt hatte, als verschollen, bis er 1962 "im Dorf Mehrauli bei Neu-Delhi als Wanderastrologe" wieder auftauchte. So vermeldete es damals Die Welt.

Nachlesen kann man diese und andere Geschichten über den Tausendsassa (Vizekonsul in Colombo, Autor von "Mein Feld ist die Welt", Sonderberater der EU-Kommission für die Erarbeitung einer Richtlinie für die Normierung von Seemannsgarn) in der Biografie mit dem barocken Titel "Ministerialdirigent a. D. Dr. h.c. Edmund F. (Friedemann) Dräcker. Leben und Werk. Vom Kaiserlichen Vizekonsul zum indischen Guru. Eine Dokumentation". Eine Fundgrube, die Material zu einer Person wahrhaft Karl May'scher Prägung enthält.

So etwa soll Dräcker fünf Jahre nach dem Wiederauftauchen auf einer Jagd im Beisein Willy Brandts mit einem küchenmesserähnlichen Gegenstand auf einen Bock losgegangen sein, was er aber umgehend dementierte: "Ich möchte darauf hinweisen, dass der größere Teil meiner Berufslaufbahn bereits in die Zeit nach Erfindung des Schießpulvers fällt, und dass ich überdies an der genannten Jagd gar nicht teilgenommen habe."

Das Dementi klingt plausibel, da man bereits 1970 erneut Nachforschungen nach Dräcker anstellen musste. Diesmal fand man ihn in Poona als Oberhaupt eines hinduistischen Kollektivs, was sich im Bericht des damaligen deutschen Botschafters in Indien, Günter Diehl, so liest: "Dräcker, der Haare und Bart nach der Art der indischen Sadhus und stark mit Henna gefärbt trägt, war fast nackt (... ) Sein Zentralthema ist die systematische Erforschung und Analyse der erotischen Gebräuche im Tantrismus."

Bundesfahne auf Eisscholle? Die DDR fiel auf einen Dräcker-Aprilscherz rein

An dieser Stelle begibt man sich doch im Netz auf Recherche und stellt gar nicht mehr verblüfft fest, dass der Diplomat immer noch sein Unwesen treibt - anscheinend konnte er verschiedene Verjüngungskuren bei sich erfolgreich anwenden.

Jedenfalls sieht man ihn, von dem es bis dato kaum brauchbare Bilder gab, kurz in einem Youtube-Video von 2014 in seiner (derzeitigen) Funktion als "Präsident des Bundesamtes für magische Wesen" - mittelgroß, blondes Haar, Brille: ein erstaunlich fideler Methusalem.

Dräcker ist, wie zu ahnen, natürlich eine Erfindung, die es schon vor über zwanzig Jahren auf die Leinwand geschafft hat. 1996 kam Claus Strobels fiktiver Dokumentarfilm "Das Phantom von Bonn" in die Kinos.

Was ihn antrieb, umschrieb Strobel so: "Ich habe geforscht, wieso es Dräcker gegeben hat, was das für Leute sind, die dahinter stecken. Es sind Leute, die nach dem Krieg als Diplomaten und Politiker aktiv gewesen sind . . . " Günter Diehl wurde schon genannt, doch als eigentlicher Erfinder Dräckers gilt der 1989 gestorbene Hasso von Etzdorf.

Der rief ihn, zumindest nach gängigster Lesart, 1936, -37 oder -38 (hier differieren die Angaben) in Rom ins Leben, wo Etzdorf als Legationssekretär der deutschen Botschaft tätig war und einen Weg suchte, Sitzungen zu schwänzen. Ein Mitarbeiter wurde instruiert, mit der Meldung einzutreten, dass Ministerialrat Dräcker vom Reichsfinanzministerium in Berlin eingetroffen wäre und eine Unterredung wünsche. Damit Etzdorf dann in der nächstgelegenen Taverne ein Bier trinken konnte.

Der Name der Brauerei "Dreher" diente ihm als Vorlage für sein Phantom. Dieses wurde in den Folgejahren durch eine Anfrage beim Reichsarchiv "betr. Ministerialrat Dr. Dräcker" dann echt aktenkundig. Ein Lebenslauf entstand, wonach Dräcker am 1. April (!) 1888 zur Welt kam. Fortan fütterte die gewitzte Dräcker-Gemeinde die Akte mit weiteren Schriftstücken, die auch nicht versandeten, als spätestens mit dem Spiegel-Artikel von 1967 jedem der Schwindel klar sein musste.

Na ja, fast jedem. Das Außenministerium der DDR warf noch 1982 der Bundesregierung "imperialistische" Umtriebe vor, nachdem die FAZ am 1. April vermeldete, Dräcker hätte auf einer "recht großen Eisscholle" in der Antarktis die Bundesfahne gehisst. Hätten sie hinter dem Eisernen Vorhang drei Jahre zuvor Hans-Dietrich Genschers Festrede als neugekürtem Ritter wider den tierischen Ernst gelauscht, wäre dieser Fehler wohl nicht passiert.

Dort referierte Genscher launig: "Dräcker ist ein Aktenhomunkulus. Gezeugt von Humor und geboren von der Phantasie. Also ein echtes Wunschkind diplomatischer Pflichterfüllung bei der Freizeitgestaltung im Dienst."

Dieser Text erschien zuerst in der Print-SZ vom 24.08.2019.

© SZ vom 24.08.2019/odg

Schriftsteller B. Traven
:Der deutsche Phantom-Autor

Seine Abenteuerromane waren weltweit Bestseller, die Hollywood gerne verfilmte. Und B. Traven ein Deutscher mit irrwitziger Karriere, wie sich nach seinem Tod vor 50 Jahren herausstellte.

Von Tobias Sedlmaier

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite