Süddeutsche Zeitung

Ein Bild und seine Geschichte:Als Friedrich Ebert baden ging

Ein Foto des Reichspräsidenten in Badehose sorgte vor 100 Jahren für einen Skandal und machte den SPD-Politiker zur Zielscheibe übler Verleumdung.

Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Zwei Männer in Badehosen stehen knietief in der Ostsee. Da kommt ein Strandfotograf vorbei und bittet um ein Foto. Die Männer nehmen Haltung an. Der Kleinere legt seine Hände lässig in die Seiten, den Körper dreht er leicht nach rechts, das linke Bein versetzt er um einen halben Schritt nach vorn.

Der Große neben ihm stellt sich kerzengerade hin und verschränkt die Arme hinter dem Rücken. Beide Männer blicken in die Kamera. Ein dritter planscht vor ihren Füßen und reckt neptunartig einen Dreizack in die Luft. Da drückt der Fotograf auf seinen Auslöser.

Das Bild vom 16. Juli 1919 wäre als harmlose Momentaufnahme längst in Vergessenheit geraten, hätte es nicht einen politischen Skandal ausgelöst. Denn die Badehosen-Aufnahme zeigt zwei der höchsten Vertreter der Weimarer Republik in ungewohnter Pose: Reichspräsident Friedrich Ebert und Wehrminister Gustav Noske.

Das Foto erscheint ausgerechnet am Tag der Vereidigung

Die SPD-Politiker besuchten am Ostsee-Badeort Haffkrug ein neues Kinderheim und wagen dann mit lokalen Würdenträgern den halbnackten Sprung ins Wasser. Dass das Bild, das der Strandfotograf Wilhelm Steffen als private Erinnerung schießt, bald Titelseiten schmücken und den Ruf des Reichspräsidenten nachhaltig schädigen wird, ahnen die Politiker da noch nicht.

Doch am 21. August, ausgerechnet am Tag von Eberts Vereidigung in der Nationalversammlung, sind die entblößten Staatsmänner plötzlich an jeder Straßenecke zu sehen - großflächig drapiert auf die Titelseite der Berliner Illustrirten Zeitung, eine der wichtigsten Zeitschriften des Landes.

Ein findiger Geschäftemacher habe das Foto wohl im Laden des Haffkruger Strandfotografen erworben und an die Presse weiterverkauft, vermutet Walter Mühlhausen, Leiter der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg. Der Historiker hat soeben den Bildband "Friedrich Ebert - Sein Leben in Bildern" herausgebracht.

Die Illustrierte vergrößert den Bildausschnitt so, dass Ebert und Noske sowie der Dreizack schwingende Stiftungsmann Josef Rieger bildfüllend erscheinen. Im Vergleich zum Original, auf dem die beiden Staatsmänner neben weiteren Badehosenträgern kaum auffallen, werden sie nun exponiert. "Die Badehose ist zu dieser Zeit noch keine allgemein akzeptierte Bekleidung", sagt Ebert-Experte Mühlhausen. Auch Männer gehen damals noch im Badeanzug ins Wasser. Den Reichspräsidenten und einen Minister so unverhüllt in der Zeitung zu sehen, habe die Deutschen entrüstet.

Republikfeinde instrumentalisieren das Badebild

Das Foto ist ein gefundenes Fressen für Rechte, Republikfeinde, Anti-Demokraten. Sie stricken schon lange an der Dolchstoßlegende, wonach den Deutschen der glorreiche Sieg des Weltkrieges von Politikern hinterrücks entrissen wurde. "Es kommt sofort der Vergleich zur Kaiserzeit: Früher hatten wir Glanz und Gloria, jetzt sind wir eine nackte Republik", erklärt Mühlhausen.

Die rechtskonservative Deutsche Tageszeitung, die das harmlosere Originalfoto schon am 9. August erstmals gedruckt hat, bringt das bearbeitete Badebild sogar als Postkartenmotiv heraus und montiert darauf die Porträts zweier prunkvoll uniformierter Herren: Kaiser Wilhelm II. und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Dazu die Überschrift "Einst und jetzt!"

Unter dem Eindruck des verlorenen Krieges und der erdrückenden Bedingungen des Versailler Vertrags steht die junge Demokratie als gedemütigt da. Die entblößten Politiker werden zum "Symbol der Mangelhaftigkeit der Republik", so der Historiker Mühlhausen.

Ebert hat genug. Der Reichspräsident reicht eine Beleidigungsklage gegen die Deutsche Tageszeitung ein. Das Gericht in Berlin entscheidet im Februar 1920, dass der Verlag die Postkarte einziehen und das Bild sowie die Druckplatten vernichten müsse.

Doch zu diesem Zeitpunkt lässt sich die Verleumdungswelle nicht mehr aufhalten. Immer mehr Medien veröffentlichen das Bild. Mal als Briefmarke, mal als Karikatur. Das republikfeindliche Satireblatt Kladderadatsch zum Beispiel dichtet eine "neue Volkshymne": "Heil dir am Badestrand, / Herrscher im Vaterland, / Heil, Ebert, dir! / Du hast die Badebüx, / Sonst hast du weiter nix / Als deines Leibes Zier. / Heil, Ebert, dir!"

Die deutsche Bevölkerung leidet zu Beginn der 20er Jahre unter Hyperinflation, Arbeitslosigkeit und Hunger. Von der medialen Hetze angestachelt, richten nun auch Kaufleute, Beamte und Arbeiter ihren Frust gegen den SPD-Politiker. Sie beschimpfen ihn als "Volksverräter", "verfluchten Lump" oder "dickes Schwein". "Den Reichspräsidenten zu schmähen, war hoffähig", erklärt Walter Mühlhausen, der Leiter der Ebert-Gedenkstätte.

Der Hass auf die führenden Köpfe der Weimarer Republik wird zunehmend größer. 1921 wird der ehemalige Reichsfinanzminister Matthias Erzberger ermordet. 1922 stirbt Reichsaußenminister Walter Rathenau durch einen Anschlag und auch auf den sozialdemokratischen früheren Reichsministerpräsidenten Philipp Scheidemann wird ein Attentat verübt. Er überlebt aber.

Friedrich Ebert glaubt, sich juristisch wehren zu können. Er lässt jeden verklagen, der ihn öffentlich beleidigt. Die Schmähungen beziehen sich längst nicht mehr nur auf das Badehosen-Foto. Die rechte Propaganda stellt ihn als Trunkenbold, Raffzahn und Landesverräter hin.

Von 1919 bis zu seinem Tod 1925 führt Ebert mehr als 200 Prozesse. Dabei sei es ihm jedoch nicht um persönliche Eitelkeit gegangen, sondern um die Würde des Staates, betont Mühlhausen. "Wer den Reichspräsidenten beleidigte, beleidigte zugleich die Republik."

Ihren Höhepunkt erreicht die Verleumdungskampagne mit dem Magdeburger Prozess im Dezember 1924. Verhandelt wird der Artikel "Eine bittere Pille für Fritze Ebert" in der Mitteldeutschen Presse. Darin wird Ebert unter anderem als Landesverräter beleidigt. Ebert sei wegen seiner Teilnahme an einem Arbeiterstreik in einer Munitionsfabrik im Januar 1918 mitverantwortlich für die Kriegsniederlage der Deutschen, so die Unterstellung.

Ein Gericht erlaubt, dass Ebert als Verräter beschimpft werden darf

Doch der Prozess gerät für das Staatsoberhaupt zum Desaster. In ihrem Urteil bestätigen die Richter den Vorwurf des Landesverrates. Von nun an kann jedermann den Reichspräsidenten straffrei einen Landesverräter schimpfen. "Das war Rufmord", sagt Walter Mühlhausen. Das Urteil mache deutlich, wie sehr auch die juristische Elite die Republik verachtet habe. Die Feinde der Demokratie jubeln, Präsident und Staat sind ein weiteres Mal entblößt.

Das Urteil trifft Ebert hart, er geht in Berufung. Doch seinen Ruf kann der 54-Jährige nicht mehr retten - er stirbt im Februar 1925 an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Der Hass und die Strapazen rund um den Magdeburger Prozess hätten ihn sehr geschwächt, sagt Mühlhausen. Mit Ebert stirbt auch ein Stück Demokratie.

Denn neuer Reichspräsident wird der von den Rechten als Kriegsheld verehrte Paul von Hindenburg. Mit ihm verbinden viele die Hoffnung einer Rückkehr Deutschlands zu kaiserlichen Idealen. 1933 ebnet Hindenburg einem Mann den Weg an die Macht, der die erste deutsche Demokratie endgültig beseitigt: Adolf Hitler.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass auch Philipp Scheidemann 1922 durch ein Attentat ums Leben kam. Richtig ist, dass er den Mordanschlag überlebte und 1939 im Exil in Kopenhagen starb.

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