Eberhard von Brauchitsch ist tot:Der Landschaftsgärtner v. B.

Er war ein Großer der deutschen Wirtschaft - und ließ für den Industriellen Flick viel Bares an Parteien fließen. Jetzt ist Eberhard von Brauchitsch, zentrale Figur der "Flick-Affäre", nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" im Alter von 83 Jahren gestorben - mit seiner Frau Helga.

Hans Leyendecker

Eberhard von Brauchitsch war eine imposante Erscheinung. Fast zwei Meter groß, gut zwei Zentner schwer. Er hatte Manieren und es gab eine Zeit, da haben ihn viele hofiert, weil er zu den mächtigsten Männern der Republik zählte.

EBERHARD VON BRAUCHITSCH IN BERLIN

Zeitweise einer der mächtigsten Männer der Republik: Eberhard von Brauchitsch, hier im Jahre 2000

(Foto: REUTERS)

Er beaufsichtigte und beriet große Unternehmen wie Krupp, BP oder Henkel, war Generalbevollmächtigter des Axel-Springer-Verlages und geschäftsführender Gesellschafter des Düsseldorfer Flick-Konzerns. Er gehörte dem Präsidium der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und dem Verwaltungsrat der Bundesbahn an und war Vorstandsvorsitzender der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung. Hinzu kamen zahlreiche Ämter des ehemaligen Amateurboxers als westdeutscher Sportfunktionär.

Der kraftstrotzende große Mann, der ein dröhnendes Organ hatte und mit Berliner Schlagfertigkeit ausgestattet war, galt bis Anfang der achtziger Jahre als eine Art Chef der konservativen Führungsschicht. Er sollte auch noch Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) werden, als er 1982 durch einen Skandal aus der Bahn geworfen wurde.

Zentrale Figur der Flick-Affäre

Der Mann, der gern betonte, wie nötig gerade die Demokratie der Elite bedürfe, wurde zur zentralen Figur der Flick-Affäre, über die Minister stürzten.

Seitdem ist der Name des Edelmanns verbunden mit der "besonderen Pflege der Bonner Landschaft" wie von Brauchitsch einst in seinen internen Notizen einen Teil seiner Aufgaben umrissen hatte. Als Landschaftsgärtner ging einer der einst einflussreichsten westdeutschen Industriellen, dessen firmeninternes Kürzel "v.B." war, in die Geschichtsbücher ein.

Der Flick-Konzern hatte in Zusammenhang mit einer erhofften Steuerbefreiung in dreistelliger Millionenhöhe die Bonner Landschaft gedüngt. Vertreter des Unternehmens statteten Politiker mit Barem aus, sie ölten mit Geld die Parteiapparate und kümmerten sich sogar um die parteinahen Stiftungen.

Die ganze Republik wurde inventarisiert, um dem Flick-Konzern zusätzlich Steuergelder in die Kassen zu spülen. Der Chefmanager und seine Helfer versuchten, Politiker durch Geschenke oder Betreuung auf Auslandsreisen für ihre Zwecke gewogen zu machen, den Einfluss der Linken in den Parteien zu neutralisieren und Flick-genehme Nachwuchspolitiker zu fördern.

Nebenbei steuerte "v.B". das Lobby-Büro des Konzerns in Bonn, dessen Mitarbeiter Geld in Briefen, Kuverts und Umschlägen verteilten. Das Geld stammte entweder aus der "Sonderkasse" oder der "Schwarzen Kasse", auch gab es "inoffizielle Zahlungen". Minister wurden gelegentlich daran erinnert, dass sie den Gebern gegenüber "im Obligo" seien. Zeigten solche Hinweise keine Wirkung, wurden Emissäre in der Hoffnung in Bewegung gesetzt, auf dass dem jeweiligen Ministerium Beine gemacht werden.

Deutschlands berühmtester Landschaftsgärtner

Die Praktiken gingen über alles hinaus, was linke Ideologen damals über die "Instrumentalisierung der Politik durch das Kapital" in Aufsätzen zusammenschrieben. Mitte der achtziger Jahre wurde Deutschlands berühmtester Landschaftsgärtner wegen Steuerhinterziehung zur Zahlung von umgerechnet 225.000 Euro und einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Vom Anklagepunkt der Bestechung wurde von Brauchitsch damals freigesprochen.

Mit der deutschen Politik und dem Bonner Betrieb war er nach dem Prozess fertig. Er zog ins Ausland, hatte Wohnungen in Monte Carlo, Salzburg oder Zürich, zahlte aber in Deutschland weiterhin Steuern. In seiner 1999 erschienen Autobiografie Der Preis des Schweigens. Erfahrungen eines Unternehmers behauptete er, die "so genannte Spendenaffäre" sei in Wirklichkeit eine "Schutzgeldaffäre" gewesen.

Unternehmen wie der Flick-Konzern hätten "Schutzgelder bezahlt, um sich vor Repressionen in Form wirtschaftsfeindlicher Politik zu schützen". Er hatte manchmal eine sehr spezielle Sicht der Dinge und dazu gehörte auch die Vermutung, dass die Stasi hinter der Aufdeckung des Spendenskandals steckte, was aber nicht stimmte.

Obwohl er mit den Repräsentanten seines Vaterlandes nichts mehr zu tun haben wollte, packte er nach der Wende noch einmal mit an. Von 1994 bis 2000 war er Aufsichtsratsvorsitzender beim früheren Buna-Kombinat in Schkopa, das zum Reich des amerikanischen Chemie-Riesen Dow Chemical gehört. Er deutete noch einmal an, dass er eigentlich ein großer Industriekapitän war. Nebenbei beriet er kleinere Familienunternehmen und auch den Großverleger Hubert Burda.

Er war dann Testamentsvollstrecker seines 2006 verstorbenen Sandkastenfreundes Friedrich Karl Flick, den er viele Jahre nicht nur beraten, sondern in der Zeit der Ermittlungen der Bonner Staatsanwaltschaft beschützt hatte wie ein älterer großer Bruder den ängstlichen kleinen Bruder beschützt. V. B. nahm in der Affäre mehr auf sich als er musste.

In den letzten Jahren war der einst kraftstrotzende Edelmann schwer krank, aber er ließ sich nicht hängen - solange es die Kräfte zuließen. Dazu gehörte es, dass er lateinische Texte auswendig lernte, um den alten Kopf zu schulen.

Er hatte einen Sohn und drei Töchter sowie ein knappes Dutzend Enkelkinder. Mit seiner Frau Helga, einer Ärztin, war er 58 Jahre verheiratet. Beide sind vor wenigen Tagen gemeinsam verstorben.

© SZ vom 10.9.2010/jja/odg
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