Dunkelhäutige Politikerin über Rassismus "Der Schaffner sagte: 'Das ist die 1. Klasse. Ihr müsst raus.'"

"Ich merke, dass das Klima wieder schlechter wird", sagt Kazungu-Haß nach ihrem Bahnerlebnis in der 1. Klasse.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Eine Landtagsabgeordnete fährt mit ihrer Familie Bahn - und gerät an einen Kontrolleur, der sie wegen ihrer Hautfarbe der Plätze verweisen will. Ein Gespräch mit Giorgina Kazungu-Haß über Rassismus, Morddrohungen und die Nazi-Keule.

Interview von Jana Anzlinger

Giorgina Kazungu-Haß wollte eigentlich nur nach Hause in die Pfalz. Doch in der Regionalbahn behandelte ein Schaffner die SPD-Landtagsabgeordnete und ihre Familie derart diskriminierend, dass sie sich an die Öffentlichkeit wandte. Die Bahn entschuldigte sich. Jetzt wollen die Sozialdemokratin und der Konzern sogar zusammenarbeiten.

SZ: Ihr Tweet, der einen kleinen Shitstorm gegen die Bahn ausgelöst hat, beschreibt Ihr Erlebnis als "täglichen Rassismus". Was genau ist Ihnen am vergangenen Sonntag im Zug passiert?

Giorgina Kazungu-Haß: Mein Mann und ich waren mit den drei jüngsten unserer vier Kinder beim Rheinland-Pfalz-Tag in Worms. Wir wollten mit der Regionalbahn zurück in unseren Wohnort Haßloch fahren. Ich habe als Abgeordnete ein Netzticket, für meinen Mann und die Kinder haben wir Erste-Klasse-Tickets gekauft - ausnahmsweise. Die Kleinen hatten sich bei der Veranstaltung so brav benommen, das war die Belohnung. Wir fünf waren allein im Abteil und meine Söhne saßen ganz ehrfürchtig auf ihren Plätzen. Dann ging die Tür auf und der Schaffner kam ins Abteil. Wir erwarteten eine normale Fahrkahrtenkontrolle. Der Schaffner sagte: 'Das ist die 1. Klasse. Ihr müsst raus.' Das hat der so überdeutlich ausgesprochen, der dachte wohl, wir können kein Deutsch. Ich habe einen kenianischen Vater und bin dunkelhäutig. Mein Mann hat einen gebräunten Teint. Zwei Dunkelhäutige mit vielen Kindern - der hat uns offensichtlich in eine Schublade gesteckt.

Giorgina Kazungu-Haß, 40, ist in Koblenz geboren und aufgewachsen. Sie hat in der PR und als Lehrerin gearbeitet. Seit 2016 sitzt die Sozialdemokratin im rheinland-pfälzischen Landtag.

(Foto: privat)

Wie haben Sie reagiert?

Ich war so perplex, mir hat es kurz die Sprache verschlagen. Mein Mann hat die Tickets rausgeholt, aber die hat der Schaffner gar nicht richtig angeschaut. Dann habe ich meine Sprache wieder gefunden und habe gesagt, er soll bitte unsere Tickets richtig kontrollieren. Ich habe mein Netzticket vorgezeigt und meinen Abgeordnetenausweis, den muss man dazu zeigen. Als er das gesehen hat, hat er plötzlich umgeschaltet, uns gesiezt und sich so verdruckst entschuldigt: 'Sie müssen verstehen, was ich mit diesen Leuten hier so erlebe.' Was genau mit 'diesen Leuten' gemeint war, hat er nicht gesagt.

Wie haben Sie sich gefühlt?

Mir passieren so Sachen natürlich öfter, aber das war schon besonders peinlich. Es war vor allem schlimm, weil es einen so schönen Tag ruiniert hat und weil meine Kinder dabei waren. Der älteste der drei ist acht Jahre alt, der hat seitdem schon mehrfach über das Erlebnis geredet und mich gefragt, warum der Schaffner so mit uns umgegangen ist.

Was haben Sie ihrem Sohn geantwortet?

In solchen Fällen versuche ich, Rassismus in einer kindgerechten Sprache zu erklären: dass wir Menschen dazu neigen, andere in Schubladen zu stecken. Dass man so nicht miteinander umgehen sollte. Und dass es eine klare Antwort geben muss. Dass man sich nicht schämen sollte, wenn man diskriminiert wird. Viele wollen nicht zugeben, dass ihnen so etwas passiert, weil sie dann wieder manifestieren, dass sie nicht dazugehören. Deswegen habe ich an noch an demselben Abend angefangen, über das Erlebnis zu twittern.

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Auf diesen Tweet gab es viel Resonanz. Dazu gehörten Reaktionen wie "das passiert halt mit Kindern im Zug" oder "es ist doch niemand zu Schaden gekommen". Können Sie nachvollziehen, wenn jemand Ihnen Überempfindlichkeit vorwirft?

Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. So denken in der Regel Leute, denen so etwas noch nie passiert ist und denen Sensibilität und Akzeptanz fehlen. Ich habe mir das ja auch nicht ausgesucht, wie man sich für ein provokantes Outfit entscheidet. Ich sehe immer so aus. Ich sehe so aus, wenn ich morgens aufstehe. Und wenn ich abends wieder ins Bett gehe, sehe ich immer noch so aus.

Ich finde außerdem diesen "Whataboutism" sinnlos - also das Argument "Gruppe XY wird auch diskriminiert". Ich spiele eine Diskriminierung nicht gegen die andere aus. Außerdem kann ich mir schwer vorstellen, dass alle Familien mit Kindern im Zug so behandelt werden. Das würde dem Konzern wahrscheinlich schaden.

Die Bahn hat Sie nach dem Vorfall kontaktiert.

Wir haben inzwischen mehrfach miteinander telefoniert. Die haben sich entschuldigt, mit dem Mitarbeiter gesprochen und mir seine Entschuldigung ausgerichtet. Ich verlange keinen Gang nach Canossa von dem Schaffner. Offenbar wollte er eine bedrohliche oder herausfordernde Situation vermeiden, das nehme ich ihm ab. Das Wichtige ist, dass der Konzern fair damit umgeht. Wie Starbucks das nach einem rassistischen Vorfall in den USA getan hat.

Die Kaffee-Kette hat dort einen Nachmittag lang 8000 Filialen geschlossen, damit die Angestellten ein Anti-Rassismus-Training absolvieren können.

Das finde ich super. Ohnehin wünsche ich mir hier einen Rassismus-Diskurs wie in den USA. Dort wird Rassismus als solcher diskutiert. Hier wird immer gleich die Nazi-Keule rausgeholt. Dabei ist nicht jeder Rassist ein Neonazi. So wird hier gestritten, statt konstruktiv zu reden, und dann tut sich gar nichts.

Ich habe deshalb gleich zugestimmt, als die Bahn vorschlug, mit den Angestellten zu sprechen, damit sich so etwas nicht wiederholt. Jetzt müssen wir mal sehen, in welchem Rahmen das laufen soll. Ich werde wohl bei einer Personalversammlung oder einer Schulung reden, in einem größeren Rahmen. Ich will auch von den Mitarbeitern hören, was sie denken. Mir tut es auch persönlich gut, wenn ich solche Situationen künftig verhindern kann.

Sie werden mit Ihrer ganzen Familie beleidigt - und bieten dann der Bahn noch eine Zusammenarbeit an. Sind Sie nicht wütend?

Natürlich bin ich wütend. Aber ich versuche das zurückzustellen. Es ist ja auch weiß Gott nicht das erste Mal.

Ist die Diskriminierung in letzter Zeit schlimmer geworden?

Ich merke, dass das Klima wieder schlechter wird - so schlimm war es nicht mehr, seit mich in den 90ern Neonazis belästigt haben. Das liegt wohl am öffentlichen Diskurs, der sich seit 2015 verschärft hat. Ich finde es unglaublich, wie sogar meine eigene Partei versucht, mit den Rechten mitzuhalten. Selbst der Altbundespräsident Joachim Gauck sagt, es solle "keine falsche Rücksichtnahme" geben. Ist ihm denn nicht klar, wie sich das ins Handeln der Menschen auf jedem Weinfest übersetzt? In den letzten zwei, drei Jahren gab es Momente, in denen ich an eine Flucht aus Deutschland gedacht habe.

So schlimm?

Als Politikerin muss man zwar viel aushalten. Aber es gibt Drohungen, die darüber hinausgehen. Wenn etwa im Netz mein Aufenthaltsort verbreitet wird. Meine größte Sorge ist momentan, dass meine vier Kinder nicht in Ruhe aufwachsen können.

Ab und zu reden mein Mann und ich darüber, ob wir wohl das Haus verkauft kriegen. Dabei bin ich ja Beamtin. Unser Lebensmittelpunkt ist hier. Ich bin in Koblenz geboren, das ist 200 Kilometer von unserem aktuellen Wohnort entfernt. Mein Mann ist Pfälzer. Wo sollen wir denn hin?

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