Klimakonferenz:Im Schatten von Gaza

Klimakonferenz: Am Sonntag fällt auch der "Völkermord"-Vorwurf gegen Israel: Aktivisten einer propalästinensischen Demonstration beim Klima-Gipfel in Dubai.

Am Sonntag fällt auch der "Völkermord"-Vorwurf gegen Israel: Aktivisten einer propalästinensischen Demonstration beim Klima-Gipfel in Dubai.

(Foto: Rafiq Maqbool/AP)

Umweltgruppen sind von den Klimakonferenzen kaum wegzudenken. Doch in diesem Jahr kümmern sich viele von ihnen mehr um den Gaza-Krieg als ums Klima. Die Bewegung droht das zu spalten.

Von Michael Bauchmüller, Dubai

Sie könne sich, sagt Annalena Baerbock, nicht aussuchen, um welche Krisen sie sich gerade kümmern müsse. "Die Krisen überlappen sich maximal", sagt die deutsche Außenministerin. Weshalb sie am Sonntagmorgen in Dubai nicht auf das Gelände der Klimakonferenz eilt, sondern zu einem Logistik-Hub des Welternährungsprogramms WFP.

Es geht um humanitäre Hilfe und damit ganz konkret auch um das Thema, das wie ein schwerer Schatten über der Konferenz liegt: der Krieg in Gaza. "Die meisten Regale waren leer", erzählt Baerbock später, als sie zurück ist auf dem Konferenzgelände. "Weil die Not so groß ist in dieser Region."

Über die "Klimagerechtigkeit" landen sie schnell beim Gaza-Krieg

Beim Klimagipfel hat diese Not längst ihre eigene Dynamik entwickelt: Sie spaltet die Klimaschutzgruppen. Über die Jahre haben sie das Climate Action Network aufgebaut, ein internationales Netzwerk von mehr als 1800 Umwelt-, Entwicklungs- und Klimagruppen. Das Netzwerk, kurz CAN, war jahrelang effektiv darin, mal auf die eine, mal auf die andere Delegation Druck auszuüben - und sei es, indem sie öffentlich an den Pranger gestellt wurde. Doch in diesem Jahr beschäftigt sich CAN vor allem mit sich selbst. Und der Grund dafür liegt im Gaza-Konflikt, gut 2000 Kilometer von Dubai entfernt.

Zu den mächtigsten Mitteln des CAN zählt ihre tägliche Preisverleihung, der "Fossil of the Day". Jeden Abend wird er an Staaten verliehen, die in den Verhandlungen besonders bremsen. Eigentlich eine lustige Show, geleitet von einem Moderator mit Melone auf dem Kopf und Skelettkostüm. Erster Preis am vorigen Freitag: Israel. Nicht wegen seiner Klimapolitik, sondern wegen Gaza. "Lasst uns klar sein: Es gibt keine Klimagerechtigkeit ohne Menschenrechte", verlas der Moderator. Die "Klimagerechtigkeit" ist die gedankliche Brücke, die vor allem für linke Gruppen direkt in den Gaza-Krieg führt.

Auch deutsche Umweltgruppen sind Mitglieder beim europäischen Ableger von CAN, etwa der BUND, Greenpeace, der WWF, Germanwatch - sie alle stimmten dagegen, Israel einseitig an den Pranger zu stellen. Immerhin sei es noch gelungen, die Formulierungen der Erklärung zum Preis möglichst ausgewogen zu gestalten - mit Empathie für Zivilisten sowohl in Gaza als auch in Israel. Ursprünglich war das so nicht vorgesehen.

Die Klimabewegung ist gespalten und verzettelt sich

"Die internationale Klimabewegung ist in dieser Frage zunehmend gespalten", sagt Kai Niebert, der Chef des Deutschen Naturschutzrings. Es ist der Dachverband der deutschen Umweltverbände. Aber eine Klimakonferenz sei der falsche Ort für diesen Protest. "Diese Diskussion lenkt völlig von dem ab, worum es hier eigentlich geht." Stattdessen binde sie Kräfte von Umweltgruppen, die hier eigentlich etwas für das Klima erreichen wollten.

Der Streit hatte sich schon vor der Klimakonferenz angebahnt. Innerhalb des CAN waren Forderungen laut geworden, jedes Statement mit den Worten "Beendet den Siedlerkolonialismus! Beendet den Klimakolonialismus!" abzuschließen. Auch diese Idee bügelte eine Allianz aus Umweltgruppen ab, darunter die deutschen.

Schon vor der Konferenz hatten jüdische und muslimische Klimaschützer aus Deutschland eine gemeinsame Erklärung erarbeitet, in der sie davor warnen, über den Konflikt um Gaza den Klimaschutz zu vergessen. "Wir alle brauchen gerade jetzt eine Klimabewegung, die nicht durch einseitige Schuldzuweisungen zur Spaltung beiträgt und ihrer gemeinsamen Sache schadet, sondern die sich für den Zusammenhalt stark macht", heißt es darin. Bis nach Dubai hallte der Appell aber offensichtlich nicht.

Am Samstag etwa formiert sich eine Demonstration auf dem Konferenzgelände, Redner werfen Israel Kolonialismus vor. "Keine Klimagerechtigkeit auf besetztem Land", steht auf Plakaten. Am Sonntag ist wieder der Moderator im Skelettkostüm dran, erneut bekommt Israel den Preis. Diesmal haben die deutschen Gruppen nichts mehr abwenden können. Israel, sagt er, "entfaltet einen Völkermord und ethnische Säuberung". Deutsche Umweltgruppen macht das sprachlos. "Diese Aussagen", sagt Germanwatch-Chef Christoph Bals, "kann ich für mich nicht mittragen."

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