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Wettrüsten:Eigentlich könnte Russland der Raketenabwehr gelassen entgegensehen

Bereits Ende Januar hatte der für Rüstung zuständige Vize-Premier Dmitrij Rogosin verkündet, der Nato-Abwehrschirm sei für die neueste Technik kein Hindernis - zum Erstaunen westlicher Beobachter. War dies doch immer das Hauptargument Moskaus gegen das Nato-Projekt gewesen. Nur stimmt das, was Putin und sein Rüstungsbeauftragter sagen? Denn wenn es wahr ist, könnte Moskau dem Aufbau der Raketenabwehr gelassen entgegensehen.

Russland experimentiere seit einigen Jahren mit neuen Interkontinentalraketen unterschiedlichen Typus, sagt der Kieler Politikprofessor Joachim Krause. Die alten Waffensysteme hätten das Ende ihrer Laufzeit erreicht. "Das klingt alles ganz gewaltig, weist aber nüchtern gesehen darauf hin, dass in Russland große Unsicherheiten bestehen bezüglich der Begehbarkeit unterschiedlicher technologischer Wege."

Die Amerikaner modernisierten ihre Raketen, "die Russen erfinden immer neue, von denen nur wenige dann auch tatsächlich das einhalten können, was sie versprechen". Krause rät daher zu Gelassenheit: "Wenn Putin das jetzt herausposaunt, dann bedeutet dies in erster Linie, dass er die westliche Öffentlichkeit für die Gefahr eines angeblich drohenden Rüstungswettlaufs instrumentalisieren will."

Bisher haben die USA nur ein rudimentäres Raketenabwehrsystem

Technisch wäre es möglich, ein bodengestütztes Raketenabwehrsystem zu überlisten, etwa indem die Flugkörper Mehrfachsprengköpfe haben und zusätzlich viele Täuschflugkörper abgefeuert werden. "Nur fragt sich", so Krause, "welches Raketenabwehrsystem?"

Bisher haben die USA nur ein rudimentäres interkontinentales Raketenabwehrsystem, das, wenn überhaupt, einige wenige nordkoreanische und chinesische Interkontinentalraketen abwehren könnte. Es wäre nicht in der Lage, eine Salve russischer Interkontinentalraketen abzuschießen. Und das europäische Raketenabwehrsystem ist erst im Entstehen und wird allein Mittelstreckenraketen oder Kurzstreckenraketen abfangen können. Russland besitzt indes keine Mittelstrecken- und nur wenige Kurzstreckenraketen.

Russland sieht die Nato-Russland-Akte verletzt

Mehr als die Technik bedroht denn wohl die Rhetorik die Sicherheit. Nie in der Zeit des Kalten Krieges sei so leichtfertig über den Einsatz von Kernwaffen gesprochen worden wie derzeit in Russland, kritisiert der Moskauer Militärexperte Alexander Golz. Er bezweifelt, dass Russland in der Lage ist, so viele Raketen neuen Typs in so kurzer Zeit zu produzieren: "Laut offiziellen Angaben hat Moskau seit 2006 nur 60 Iskander produziert", also Kurzstreckenraketen, schrieb er in der Moscow Times. Wie sollten dann 40 Langstreckenraketen in einem Jahr fertiggestellt werden?

Was veranlasst Putin zu derlei mutmaßlich also kaum zu realisierenden Ankündigungen? Moskau soll gar nicht erst in Versuchung kommen, Interventionen wie in der Ukraine auch bei Mitgliedsstaaten der Allianz etwa im Baltikum auszuprobieren, hatte die Nato im vergangenen September auf dem Gipfel in Wales formuliert und beschlossen, mit etwa 4000 Soldaten zusätzlich in den osteuropäischen Mitgliedsstaaten präsent zu sein.

Die russische Führung sieht sich nun ihrerseits bedroht und wertet den Beschluss als eine Verletzung der Nato-Russland-Akte, die eine Stationierung größerer Kontinente in Osteuropa verbietet. Und nun kommen auch noch die Pläne dazu, schwere Waffen in Mitgliedsstaaten in Osteuropa zu stationieren. Das war wohl zu viel. Schon im April hatte Putin gewarnt, die "schwierige internationale Lage" könne zu "Störungen" führen.

© SZ vom 18.06.2015/cmy
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