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Militär:Worum es bei der Debatte um bewaffnete Drohnen geht

Die Drohne Heron TP wird am Freitag 03 06 16 in Berlin auf der Internationale Luft und Raumfahrta

14 Meter Länge, 26 Meter Flügelspannweite: die "Heron TP", hier ausgestellt auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung 2016 in Berlin.

(Foto: imago/imago)

Wofür die Bundeswehr bewaffnete Drohnen brauchen könnte und einsetzen dürfte - und wofür eben nicht: die wichtigsten Fragen und Antworten zu einem umstrittenen Kriegsgerät.

Von Joachim Käppner

Die SPD-Parteiführung hat die Entscheidung, ob die Bundeswehr ihre neuen Heron-TP-Drohnen bewaffnen darf, auf die nächste Legislaturperiode verschoben und damit Ärger in der Union, aber auch in der eigenen Partei ausgelöst. Außenminister Heiko Maas und die Wehrbeauftragte Eva Högl etwa sind für die Bewaffnung. Worum geht es in der Sache?

Welche Art von Drohnen setzt die Bundeswehr derzeit ein?

In Mali und Afghanistan benutzt sie unbewaffnete Drohnen des israelischen Typs Heron zur Aufklärung und für Lagebilder. Diese Drohnen führen keine Waffen mit. Vor allem die neueren Heron TP könnten aber Raketen tragen, die vom Leitstand aus abgefeuert würden. Anders als Jets sind Drohnen jedoch nicht in der Lage, schwere Bomben zu tragen, da ihre Nutzlast recht gering ist.

Leidet die Sicherheit der deutschen Soldaten in den derzeitigen Auslandseinsätzen, wenn die Luftwaffe keine Kampfdrohnen erhält?

Nur bedingt. In Afghanistan dient die laufende Mission "Resolute Support" lediglich noch der Ausbildung afghanischer Regierungskräfte, der Nato-Kampfeinsatz ist seit 2014 vorüber. In Mali ist die Bundeswehr gegen islamistische Terrormilizen im Rahmen der UN-Blauhelm-Mission Minusma auch mit Patrouillen im Gelände aktiv, hier ist eine Bedrohung denkbar, in der eine begleitende Drohne Angreifer ausmachen und beschießen könnte. Bisher gab es keinen solchen Zwischenfall, auch weil oftmals Heron-Drohnen das Terrain sondieren. Außerdem verfügen die dort ebenfalls aktiven Franzosen über bewaffnete Drohnen, 2017 töteten solche sieben Dschihadisten, die eine französische Einheit angriffen.

Für welche Einsätze will die Bundeswehr denn dann Drohnen bewaffnen?

Für Kampfeinsätze wie in Afghanistan bis 2014, wo deutsche Soldaten häufig in Gefechte gerieten. Beim berüchtigten "Karfreitagsgefecht" nahe Kundus starben 2010 drei Fallschirmjäger, als ihr Konvoi in eine Falle der Taliban geriet und nicht klar war, wo überall die Feinde verborgen waren. US-Kampfjets konnten deshalb zunächst nicht eingreifen, ohne die Deutschen zu gefährden. Eine begleitende Drohne hätte womöglich die Stellungen der Taliban aus der Luft aufgeklärt und gezielt bekämpfen können, und das ohne größere Verzögerung. Deshalb wünscht sich die Bundeswehr Kampfdrohnen für einen auf Gefechtssituationen begrenzten Einsatz.

Welche militärischen Vorteile würden Kampfdrohnen bieten? Was können sie, was die Bundeswehr ohne sie nicht kann?

Präzision und Überraschung. Drohnen können viele Stunden unbemerkt über einem Gefechtsfeld kreisen. Durch Beschuss durch Artillerie oder den Abwurf von Bomben auf Taliban-Stellungen nahe Dörfern wurde aus der Gefahr, Unbeteiligte zu töten, leider nur zu oft Wirklichkeit, vor allem bei den vielen Einsätzen der US Air Force. Ein Beispiel ist der fatale, von der Bundeswehr befohlene Bombenangriff am Kundus-Fluss 2009. Damals bombardierten amerikanische F-15-Jets zwei von den Taliban entführte Tanklastzüge. Etwa 100 Menschen starben, neben Taliban viele Zivilisten, die aus Neugier an den Fluss gekommen waren oder um Benzin abzuzapfen. Die falsche Entscheidung für den Angriff basierte auf lückenhaften Informationen, die Wucht der Bomben war so gewaltig, dass noch in weitem Umkreis Menschen starben. Eine Drohne, so die Argumentation der Befürworter, hätte die Auswerter am Bildschirm sofort erkennen lassen, dass viele Zivilisten zu den Taliban stießen, man hätte deshalb einen viel begrenzteren Schlag erst dann ausgeführt, als keine Unbeteiligten gefährdet waren.

Dürfte die Bundeswehr wie das US-Militär gezielt Personen im Ausland durch Drohneneinsätze töten?

Nein. Das Grundgesetz verbietet aus guten Gründen sowohl die Todesstrafe als auch völkerrechtswidrige Tötungen. Der rechtlich außerordentlich problematische "Drohnenkrieg", in dem die USA islamistische Terroristen durch von Drohnen abgefeuerte Raketen gezielt exekutieren lassen, wäre für Deutschland illegal. Die zwischen SPD und Union ursprünglich vereinbarten Bestimmungen über Kampfdrohnen legten sogar dem Einsatz im Gefecht Schranken auf, um Zweifelsfälle zu vermeiden. Die Gefahr eines Missbrauchs gäbe es natürlich trotzdem.

Hat der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach im Herbst die Debatte über Kampfdrohnen, wie sie dort zum Einsatz kamen, neu entfacht?

Auf jeden Fall. Aserbaidschan beziehungsweise die mit ihm verbündete Türkei verfügte über Kampfdrohnen, das - an sich schlagkräftige - armenische Militär nicht. So kämpften Sehende gegen Blinde. Die Drohnen machten armenische Panzer aus der Luft aus und zerstörten sie mit Präzisionsraketen. Militärexperten sprechen vom "ersten Drohnenkrieg" zwischen Staaten. Die Raketen abfeuernde, am Himmel unsichtbare Drohne ist also eine neue Waffe, wie einst das Bombenflugzeug, der Kampfhubschrauber und der Düsenjet. Und wer sie nicht hat, kann sich schwer wehren.

Was ist dann die richtige Reaktion auf den Drohneneinsatz im Krieg um Bergkarabach?

Das hängt vom Standpunkt ab. Die SPD-Spitze hat daraus faktisch die moralische Konsequenz gezogen, dass Deutschland eher nicht am Rüstungswettlauf um solche Waffen teilnehmen sollte. Befürworter halten dagegen, dass Kampfdrohnen für moderne Armeen jetzt zum Standard werden und Deutschland seine derzeit ohnehin begrenzte Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung schwächt, wenn es freiwillig auf solche verzichtet, ohne dass dies andere Staaten davon abhalten würde, sich diese Waffe zuzulegen. In dieser Sicht wäre das etwa so, als hätte sich Frankreichs Militär 1910 aus ethischen Gründen entschieden, keine der soeben erfundenen Flugzeuge anzuschaffen, während das deutsche Kaiserreich rasch eine Luftwaffe aufbaute.

Kritiker befürchten, Kampfdrohnen seien der Einstieg in die gefürchteten "Killer Robots", also mittels künstlicher Intelligenz (KI) selbständig agierender autonomer Waffensysteme. Zu Recht?

Gegen diese Annahme spricht sehr vieles, zumindest heute. Kaum ein Waffensystem wird von so vielen Menschen kontrolliert wie eine Drohne der derzeitigen Bauart. In der Bodenstation sitzt eine zweiköpfige Besatzung, der Pilot oder - immer öfter - die Pilotin fliegt sie von Hand per Fernsteuerung, der oder die andere analysiert die Bilder der High-Tech-Kameras (die aber dennoch nicht so gestochen scharf sind wie im Hollywood-Film). Zur selben Zeit sehen Auswerter am Boden dieselben Bilder, diskutieren mit der Besatzung und würden, gäbe es denn einen möglichen Grund zum Feuern, eine bis an die Spitze des Ministeriums reichende Befehlskette in Gang setzen. Killer Robots sollen ja zu Recht wie Chemiewaffen völkerrechtlich geächtet werden. Aber natürlich wären auch Drohnen zu autonomen Waffensystemen umrüstbar, wie Flugzeuge oder Panzer. Dies wäre eine Horrorvision, deren Gefahren bislang unterschätzt werden.

© SZ/skle
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