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Drohmails:Ein Schema voller Hass

Frau, mit linkem Profil, vielleicht auch noch Migrationshintergrund - wen der NSU 2.0 bedroht.

Von Matthias Drobinski

Renate Künast, die Grünen-Bundestagsabgeordnete, und Helene Fischer, die Sängerin. Von den Grünen zudem Filiz Polat und Anton Hofreiter. Von den Linken im Bundestag die Fraktionschefin Amira Mohamed Ali sowie Sevim Dagdelen und Gökay Akbulut. Dazu Hannovers neugewählter Oberbürgermeister Belit Onay von den Grünen und Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Es ist kaum noch möglich, den Überblick zu behalten, wer nun neu zur wachsenden Schar derjenigen hinzukommt, der oder die auch ein Schreiben bekommen hat, in denen er oder sie beschimpft, herabgesetzt, mit dem Tod bedroht wird. Und bei denen der Absender gleich lautet: NSU 2.0. Wir setzen das Mörderwerk der Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" fort, lautet die tägliche Drohbotschaft. Fürchtet euch.

Seda Basay-Yildiz

Die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız gehört zu den ersten, die Todesdrohungen erhielten.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Entweder ist derjenige oder sind diejenigen, die seit zwei Jahren die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız bedrohen, jetzt vermehrt tätig. Oder es steigt die Zahl der Trittbrettfahrer, welche die Gunst der Stunde nutzen und ihren Unflat und ihre Mordfantasien öffentlichkeitswirksam verbreiten wollen. Am Dienstag, im Innenausschuss des Hessischen Landtags, berichtete Hessens Innenminister Peter Beuth von 69 Drohschreiben an insgesamt 28 Personen und Institutionen; sie seien "fast immer von einer gleichlautenden Absenderadresse" verschickt worden. Doch mit der Zahl der Schreiben ist auch der Anteil der Trittbrettfahrer gestiegen, vermuten die Ermittler.

Niedersachsen, Hannover, PK Neues Rathaus, Oberbürgermeister Belit Onay zieht Zwischenbilanz zur Coronakrise, *** Lower

Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay, ein Politiker der Grünen, zählt zu den jüngsten Opfern der Drohbrief-Kampagne im Namen des NSU 2.0.

(Foto: imago images/localpic)

Das macht die Welle des Hasses, die da gerade durchs Land schwappt, nicht weniger besorgniserregend. Sie trifft auch Männer, Christdemokraten wie Innenminister Beuth und Hessens Ministerpräsident Bouffier, trifft alle Fraktionen des Landtags in Wiesbaden, die AfD ausgenommen, trifft Medienhäuser und Redaktionen. Insgesamt aber lässt sich doch ein Muster beim Kreis der Adressatinnen und Adressaten erkennen: Frau, in der Öffentlichkeit irgendwie als links oder zumindest gegen rechts profiliert, mit Migrationsgeschichte - je mehr von diesen Kriterien zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es, beschimpft und bedroht zu werden.

Die Polizei führt "Sensibilisierungsgespräche" mit den Betroffenen

Wer in einem solchen Schreiben an Leib und Leben bedroht wird, den betreut das Gefährdungsmanagement des Landeskriminalamts. Es gibt "Sensibilisierungsgespräche", worauf man achten soll auf der Straße und zu Hause. Seda Başay-Yıldız bekam angeboten, dass sie eine Pistole erwerben und ein Schießtraining absolvieren könne, was sie empört ablehnte. Dass die nun Bedrohten in akuter Lebensgefahr schweben, davon geht man in den Landeskriminalämtern derzeit nicht aus. Harmlos ist die Hasspost dennoch nicht. Das Leben eines Menschen ist nicht mehr das gleiche, wenn man eine Nachricht bekommt, in der steht: Ich bringe dich um. Garniert mit Daten, die öffentlich nicht zugänglich sind. Er erhalte zwar relativ viele Anfeindungen, erklärte Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay am Donnerstag dem NDR-Fernsehen. Die aktuelle aber nehme Bezug auf seine Familie. "Ich nehme das sehr ernst", sagte er. Aber auch: "Das wird meine politische Arbeit und meine Handlungen nicht verändern. Ich lasse mich nicht einschüchtern." Und dass er sehr froh sei über die große Solidarität, die er gerade erfahre.

© SZ vom 24.07.2020

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