Drogenpolitik:Kiffer, bewerbt euch

Amazon will die Cannabis-Legalisierung - aus Eigennutz.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Ambrose Jackson sollte ein glücklicher Mensch sein. Er ist einer von nur 55 Leuten, die im September eine Lizenz für den Anbau und Verkauf von Cannabis im US-Bundesstaat Illinois gekriegt haben - doch gibt es da ein Problem. Auf bundesstaatlicher Ebene ist Marihuana noch immer als Droge eingestuft, auf einer Stufe mit Heroin etwa, und das bedeutet: Er bekommt keine Kredite für seine Firma. Interesse von alternativen Geldgebern sei schon da, sagt Jackson, aber viele seien ihm zu unseriös. In mittlerweile 38 Bundesstaaten (in denen 80 Prozent der Amerikaner leben) ist Marihuana als Medizin erlaubt, in 13 davon als Genussmittel und in 18 entkriminalisiert; und überall gibt es bislang diese Probleme für Unternehmen.

Ausgerechnet Amazon, bislang wirklich nicht als Konzern mit progressiv-politischem Engagement aufgefallen, will nun für Abhilfe sorgen - auf drei Ebenen. In einem Blog-Eintrag hat Personalchefin Beth Galetti angekündigt, das Unternehmen werde bei Neueinstellungen keine Tests auf Marihuana mehr durchführen: "Davon waren vor allem Communities of Color betroffen - das ist inakzeptabel."

Tests sollen künftig nur noch durchgeführt werden, wenn es gesetzlich vorgeschrieben ist, bei Lastwagenfahrern etwa oder Angestellten, die an gefährlicher Maschinerie arbeiten. Dazu sollen ehemalige Mitarbeiter, die wegen positiver Cannabis-Tests entlassen worden sind, sich ab sofort erneut bewerben dürfen. Seinem Netzwerk aus Lieferfirmen empfiehlt Amazon schon seit Juni, auf Tests zu verzichten und das offensiv zu bewerben.

Zudem hat Amazon angekündigt, zwei Gesetzentwürfe zu unterstützen, die Cannabis auf Bundesebene zumindest entkriminalisieren sollen - also: keine Gefängnisstrafen für Nutzer, Aufheben von Vorstrafen und Förderung von Unternehmen, deren Besitzer von diesen Strafen betroffen gewesen sind. Im Fall von Jackson bedeutet das, dass er als Cannabis-Bauer bis zu 500 000, als Händler bis zu 250 000 Dollar an Krediten vom Wirtschaftsministerium in Illinois beantragen könnte - er wurde allerdings noch nie bestraft, also sucht er weiterhin nach Investoren.

Die zweite Initiative, die Amazon unterstützt, geht deshalb noch weiter: Es soll in jenen Gegenden investiert werden, in denen die Armutsrate oder der Prozentsatz an Strafen wegen Cannibis-Delikten überproportional hoch ist. Der Konzern hat dem US-Kongress Unterstützung für beide Initiativen signalisiert.

"Wir wollen der beste Arbeitgeber der Welt werden", steht im Blog-Eintrag von Galetti. Das klingt gut, wie auch die Ankündigung, bis 2040 klimaneutral sein zu wollen, hat aber einen egoistischen Hintergrund. Der Arbeitsmarkt in den USA ist, wie man so schön sagt: heiß. Unternehmen locken mit Boni, Stipendien - oder eben mit der Ankündigung, auf Cannabis-Tests zu verzichten. "Wir erweitern dadurch den Pool der Bewerber", schreibt Galetti. "Es ist an der Zeit, die landesweite Cannabis-Gesetzgebung zu reformieren." Das kann man durchaus als Botschaft verstehen: Legalize it - und zwar überall in den USA.

© SZ
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